Geschrieben am 26. Mai 2011 von Redaktion abgelegt in der Kategorie Deutschland, Türkei,
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Abdullah Zor hilft, wenn der Imam kein Deutsch kann

Für Abdullah Zor (26) ist ein Imam mehr als nur ein Vorbeter: „Er hat ähnliche Aufgaben wie ein Priester und muss sich um die Seelsorge kümmern“, sagt der gebürtige Bocholter, der in der Sultan-Ahmed-Moschee an der Don-Bosco-Straße ehrenamtlicher Imam ist. Ohne ihn käme der hauptamtliche Imam Selahattin Livana, den die Gemeinde vor einem Jahr aus der Türkei holte, nicht zurecht.

Denn Livana kann kein oder kaum Deutsch und kennt sich mit der hiesigen Kultur, die auch die Kinder der „Gastarbeiter“ prägte, nicht aus. „Wir alle helfen ihm deshalb“, sagt Zor, der unter anderem die wichtige „Freitagskanzel“ übernimmt – die auf Deutsch und Türkisch gehaltene Predigt beim Freitagsgebet.

Das Gebet sei auf Hocharabisch, erklärt Zor. Er habe die Sprache des Korans zu rezitieren und übersetzen gelernt. Drei Jahre lang machte er eine Imam-Ausbildung beim Verband der Islamischen Kulturzentren (VIKZ) in Köln und anschließend absolvierte er ein Jahrespraktikum in Duisburg. Erst neulich noch sei er mitten in der Nacht angerufen worden, weil ein Duisburger Muslim, um den er sich als Imam gekümmert hatte, im Sterben lag. „Ich bin zu ihm in die Klinik gefahren und habe aus dem Koran gelesen“, berichtet Zor. In den letzten Minuten habe er ihm die Schahada, das islamische Glaubensbekenntnis, ins Ohr geflüstert. „Das ist ähnlich wie die letzte Weihe, auch wenn wir keine Weihe haben“, sagt er.

Imame nähmen bei den Männern auch die rituelle Totenwaschung vor. Er habe 2007 sogar seinen eigenen Neffen in Duisburg begraben, weil es zu dem Zeitpunkt noch kein muslimisches Grabfeld in Bocholt gab. Die Aufgaben eines Imams seien vielfältig, sagt Zor. Er kümmere sich um die religiöse Erziehung, um Familien- und Eheprobleme ebenso wie um die Schlichtung von Streits oder um Jugendarbeit. Als stellvertretender Vorsitzender der Bocholter VIKZ-Gemeinde und ehrenamtlicher Imam halte er selbst auch Kontakt zu den Behörden und führe interreligiöse Dialoge.

Das alles fällt traditionell nicht unter die Aufgaben eines Imams, der primär Vorbeter ist. Studien zeigen, dass das Aufgabenspektrum der Imame in Deutschland und anderen EU-Ländern größer ist als in den Herkunftsländern der Einwanderer. In der Regel wird dies auf die Diasporasituation zurückgeführt, schreibt die Islamwissenschaftlerin Melanie Kamp. Zor sieht das anders: „Heutzutage beschränken sich hier viele Imame auf ihre Pflichtaufgaben, weil sie kein Deutsch können“, sagt er. Doch das sei nicht das größte Kommunikationsproblem: Die aus der Türkei stammenden Imame hätten Schwierigkeiten, die Jugendlichen zu verstehen. Der Kulturunterschied sei einfach zu groß.

„Die türkischen Jugendlichen sind mit der deutschen Mentalität aufgewachsen“, erklärt Zor. Sie seien toleranter, achteten beispielsweise mehr auf Pünktlichkeit und das Gesetz, sie würden Pommes oder Spargel essen und auch Alkohol trinken, selbst wenn der im Islam eigentlich verboten sei. „Die Hälfte der türkischen Jugendlichen trinkt Alkohol“, sagt Zor. „Das ist ganz normal geworden.“ Die aus der Türkei geholten Imame, die meist nur wenige Jahre hier seien, verständen das oft nicht. „Sie sagen, dass die Jugendlichen in der Türkei disziplinierter sind und mehr Respekt zeigten“, berichtet Zor. Einige Imame gäben dann wegen der kulturellen Probleme auf und reisten vorzeitig in die Türkei zurück. Deshalb sei es wichtig, die Zahl der in Deutschland aufgewachsenen Imame zu erhöhen.

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