Anführer tot, al-Qaida lebt

Die Nummer zwei von al-Qaida ist tot: Abu Jahja al-Libi starb bei einem US-Drohnenangriff. Doch das Terrornetzwerk hat sich längst darauf eingestellt, dass die bekanntesten Kommandeure gejagt werden. Die neue Struktur ist schwieriger angreifbar.

Abu Jahja al-Libi hat seinen Tod vorhergesehen. In einem im Internet verbreiteten Video verkündete er im vergangenen Jahr: „Ich sage an die Adresse Amerikas: Habt keine Hoffnung, al-Qaida zu schlagen. Tötet all ihre Anführer und Mitglieder, und was dann? In der Schlacht, die Amerika heute führt, ist der Gegner keine Organisation, Gruppe oder Sekte, sondern es ist eine Schlacht gegen die Gemeinschaft aller Muslime, gegen die Ummah.“

Diese Inszenierung des Terrors als Kampf zwischen Muslimen und dem Westen, der dem Islam den Krieg erklärt hat, ist eine häufig von al-Qaidabemühte Propaganda, um die eigenen Reihen zu motivieren. Doch in einem hatte Libi recht: Die Schlacht ist längst nicht geschlagen, wenn die wichtigsten Qaida-Kommandeure ausgeschaltet sind.

Am Montag trafen zwei Raketen, abgefeuert von einer US-Drohne über einem Dorf nahe der Stadt Mir Ali im pakistanischen Nord-Waziristan, ein Haus, in dem Libi sich aufhielt. Libi soll dort Verletzungen von einem früheren Drohnenangriff auskuriert haben. Mit seinem Tod ist den USA der schwerste Schlag gegen al-Qaida seit der Tötung Osama Bin Ladens im Mai 2011 gelungen.

Al-Qaida ist geschwächt, der Druck auf das Terrornetzwerk so groß wie nie zuvor. Ausgerechnet unter Barack Obama, dem der politische Gegner vor seiner Wahl zum US-Präsidenten stets Schwäche im Anti-Terror-Kampf prophezeite, haben die USA ein gutes Dutzend der meistgesuchten Terroristen ausgeschaltet, darunter

 

  • Osama Bin Laden,
  • Anwar al-Awlaki, den Qaida-Chef auf der arabischen Halbinsel,
  • den pakistanischen Taliban-Chef Baitullah Mehsud
  • und den Top-Terrorist Ilyas Kashmiri.

Das ist eine erfolgreichere Bilanz als die seines Vorgängers George W. Bush. Obamas Leute nutzen diese Schläge nun, um Wahlkampf für den angeschlagenen Präsidenten zu machen. Der will Ende dieses Jahres wiedergewählt werden und präsentiert sich als unerbittlicher Anti-Terror-Kämpfer, der persönlich über Leben und Tod von Terroristen entscheidet.

USA verkaufen Drohnen-Strategie als Vorstufe zum Sieg

Der Tod Libis wird deshalb als Vorstufe zum Sieg über al-Qaida verkauft, jenem Terrornetzwerk, das die Terroranschläge von 9/11 zu verantworten hat. Jetzt fehle noch Bin Ladens Nachfolger als Qaida-Chef, Aiman al-Sawahiri, dann sei die erste Garde der Terroristen „erledigt“, sagt ein US-Diplomat in Pakistans Hauptstadt Islamabad.

Die Obama-Regierung nutzt den erfolgreichen Schlag auch, um den wachsenden Protesten an der tödlichen Drohnenstrategie zu begegnen. Vor allem in Pakistan, aber auch international nimmt die Kritik an den völkerrechtlich zweifelhaften Einsätzen zu – auch innerhalb der USA. Der Tod Libis wäre aber ein Grund, Forderungen „nach einem Ende des Drohnenkriegs nicht zu akzeptieren“, sagt Bruce Riedel, ehemaliger CIA-Agent und Regierungsberater für Afghanistan und Pakistan.

Al-Qaida ist geschwächt, auch ohne Anti-Terror-Krieg. Seit Monaten schwelt in der Organisation ein Richtungsstreit. Al-Sawahiri, der spröde und unnahbare Chef, vertritt das radikale Lager, das jeden, der nicht einer strengen Auslegung des Islam anhängt, als Ungläubige verurteilt. Libi, der charismatische Stellvertreter, deutlich jünger als al-Sawahiri, zeigte sich offener gegenüber gemäßigten Interpretationen des Islam. Ob sein Tod nun den internen Streit entscheidet, ist offen.

Doch längst hat al-Qaida sich zu einem losen Netzwerk über mehrere Kontinente verteilt entwickelt. Eine zentrale Führung spielt immer weniger eine Rolle, die Kämpfer sind in verschiedenen Gruppen in Afghanistan und Pakistan sowie weltweit in mindestens fünf Organisationen mit Verbindungen zu al-Sawahiri organisiert.

Weltweit aufsehenerregender Anschlag kaum noch möglich

Die Qaida-Leute wissen, dass der große, weltweit aufsehenerregende Anschlag wegen der gestiegenen Sicherheitsvorkehrungen kaum noch möglich ist. In den USA ist den Qaida-Terroristen nach 9/11 kein Schlag mehr gelungen, die Explosionen auf Busse und U-Bahnen in London im Juli 2005 waren der letzte erfolgreiche Angriff im Westen.

Deshalb – und weil alle noch lebenden Qaida-Kommandeure damit beschäftigt sein dürften, sich vor den amerikanischen Drohnenin Sicherheit zu bringen -, verfolgt al-Qaida die Strategie der kleinen Nadelstiche: Mehrfach wurden die Kämpfer auf islamistischen Websites aufgefordert, Anschläge auf eigene Faust zu planen und durchzuführen. Und mehrmals wurden Terroristen in letzter Sekunde daran gehindert, Unheil anzurichten: Sprengstoffbastler, potentielle Amokläufer und Flugzeugbomber. Nach Angaben der New America Foundation, einer unabhängigen amerikanischen Denkfabrik, gelang es immerhin mehreren von der dschihadistischen Ideologie inspirierten „einsamen Wölfen“, seit September 2001 insgesamt 17 Menschen in den USA zu töten.

Ihr Hauptkampfgebiet hat al-Qaida ohnehin von Afghanistan und Pakistan, wo sie 1988 in Peschawar gegründet wurde, nach Arabien verlegt. Im Jemen profitieren die Terroristen von der Schwäche des Staates, aber auch dort setzt Washington immer häufiger auf die Macht der Drohnen.

Der Tod Libis mag also ein Schock sein für viele Qaida-Anhänger. Bewirken wird er kaum etwas. „Es gibt viele, die als Nachfolger bereit stehen“, sagt Imtiaz Gul, Terrorexperte und Chef eines Think Tanks in Islamabad. „Schon der Tod Bin Ladens hat auf al-Qaida kaum Auswirkungen gehabt, mit al-Sawahiri stand rasch ein Nachfolger bereit. Bei Libi wird das nicht anders sein.“

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