Geschrieben am 15. September 2011 von Redaktion abgelegt in der Kategorie Deutschland,
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BIG Partei im kommen: Berliner Jugendliche lassen etablierte Parteien abblitzen

Berliner Jugendliche haben von den sog. Volksparteien offenbar die Nase voll. In den Testwahlen der Unter-18jährigen wurden CDU und Linke regelrecht abgestraft, auch die in der Stadt führende SPD schneidet nicht sonderlich gut ab. Dagegen kommen Kleinparteien auf teils herausragende Werte. Ein Trend, für den Wahlforscher klare Gründe sehen: Jugendliche suchen nach Inhalten, nicht nach Worthülsen der Etablierten.

26.705 Jugendliche nahmen vergangenen Freitag an der Testwahl in 290 Wahllokalen teil. Eine Altersbegrenzung gab es nicht, allerdings war das Gros der Wähler zwischen 12 und 16 Jahre alt. Im Ergebnis führen die insbesondere bei Mädchen beliebten Grünen mit 23,53 Prozent, gefolgt von der SPD mit 21,58 Prozent. Die CDU muß sich mit 11,48 Prozent zufrieden geben. Auf Platz 4 folgt die vor allem von Jungen gewählte Piratenpartei mit 8,97 Prozent. Hauchdünn dahinter die Tierschutzpartei mit 8,94 Prozent. Die seit zehn Jahren in der Hauptstadt mitregierende Linke erhielt noch 7,07 Prozent. BIG bekommt 3,57 Prozent, die FDP scheitert mit 2,57 Prozent sogar an der Hürde für die Bezirksvertretungen, die NPD erreicht 2,49 Prozent.

Jugendliche wählen „nach Interessen und Neigungen“, weniger nach taktischen Überlegungen, meint Klaus Hurrelmann von der Hertie School of Governance, der die Wahl ausgewertet und rund 1.000 Teilnehmer näher befragt hat. Konkrete Programmpunkte der Kandidaten geben meist den Ausschlag für die Wahl. Hurrelmann sieht eine „selbstbewußte, pragmatische, informationshungrige Generation“, die nach Sachthemen entscheidet und immer aktiv wird, wenn sie ihre Interessen bedroht sieht. Ihr Wahlverhalten sei auch noch bei Jungwählern bis 25 Jahren zu spüren, so Richard Hilmer vom Meinungsforschungsinstitut infratest dimap. Erst später, wenn etwa Arbeitsplätze und Familiengründung eine größere Rolle spielen, ändert es sich erkennbar.

Dennoch können sich Positionen verfestigen und das Parteiengefüge auf längere Sicht durcheinander wirbeln. Für Hilmer ist die „Abnahme der Volksparteien über die Jahre auch durch nachwachsende Kohorten“ erklärbar. Die Piraten sind das beste Beispiel, ihnen könnte am Sonntag der Einzug ins Abgeordnetenhaus gelingen. Dies gilt wohl auch für den Erfolg der von Beobachtern vielfach als Islamisch eingeschätzten BIG in den Stadtvierteln mit hohem Ausländeranteil. Hier scheint sich der Trend zu Parallelgesellschaften bei jungen Türken oder Arabern widerzuspiegeln – BIG erreichte im Großbezirk Mitte mit Tiergarten und Wedding 8,35, in Neukölln sogar 9,13 Prozent. Auch die NPD baue sich mit 5,54 Prozent in Marzahn-Hellersdorf und 9,82 in Treptow-Köpenik eine Basis auf – wo die Gesellschaft keine sozialen Perspektiven zu bieten hat, versagen die Sprechblasen der ausfinanzierten Anti-Rechts-Kampagnen. „Die jungen Leute interessiert es nicht, ob wir eine Partei für undemokratisch halten“, meint Hurrlemann.

Den sog Volksparteien scheint es teilweise nicht einmal mehr zu gelingen, sich gegenüber jungen Menschen überhaupt auszudrücken. Solche Erfahrungen machte U18-Mitorganisatorin Milena Feingold. Auf die Bitte, leicht verständliche Wahlforderungen zu erhalten, hätte Parteien wiederholt mit Begriffen operiert, „die selbst Erwachsene nicht verstehen“.

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