China will an Kims Atomanlagen

Im Falle eines neuen Koreakrieges fürchtet China eine nukleare Katastrophe. Es laufen geheime Vorbereitungen, die Atomanlagen in Nordkorea unter Kontrolle zu bringen. Das Kriegsgetrommel beunruhigt auch die USA – immerhin spricht Pjöngjang vom „Heiligen Krieg“ und verlegt bereits eine Mittelstreckenrakete an die Ostküste. Experten meinen, es gebe kein Zurück mehr.

China ist höchst beunruhigt über die Eskalation auf der koreanischen Halbinsel. „Die Generäle machen sich große Sorgen“, sagt eine Quelle mit langjährigen, persönlichen Beziehungen zu hohen Militärs der Nachrichtenagentur dpa in Peking. Angesichts des Säbelrasselns des jungen Militärführers Kim Jong Un und der großen Spannungen werde befürchtet, dass ein dummer Zufall eine Konfrontation auslösen könnte „und Nordkorea in Flammen steht“. Für diesen Fall gebe es Planungen, berichtete die Quelle weiter: Chinesische Streitkräfte würden versuchen, die nuklearen Anlagen in Nordkorea unter Kontrolle zu bringen und zu sichern, um Schlimmeres zu verhindern.

Nordkorea hatte zuvor im Konflikt mit Südkorea und den Vereinigten Staaten seinen Konfrontationskurs weiter verschärft und einen Atomangriff auf die USA „endgültig genehmigt“. In einer über die amtliche Nachrichtenagentur KCNA verbreiteten Erklärung des Generalstabs der nordkoreanischen Volksarmee hieß es, bei dem „gnadenlosen Einsatz“ könnten „moderne“ Waffen eingesetzt werden. Die Regierung in Washington werde formal darüber informiert, dass dies eine Reaktion auf Drohungen aus den USA sei.

Kim hatte bereits vor einem Monat mit einem Präventivschlag gegen die USA gedroht. Vergangene Woche ordnete die Armee an, die Raketen für einen Angriff auf die USA in Bereitschaft zu versetzen. Wenig später erklärte Pjöngjang, es befinde sich mit Südkorea im „Kriegszustand“.

China richtet sich auf Flüchtlinge ein

Nach Angaben des chinesischen Militärs würden sich die Streitkräfte des Landes auch auf größere Flüchtlingsströme an der koreanisch-chinesischen Grenze vorbereiten. Nichts davon wird allerdings offiziell bestätigt. Fast gebetsmühlenartig ruft Chinas Regierung nur alle Parteien zur Zurückhaltung und zum Dialog auf. „Die Situation auf der Halbinsel ist derzeit heikel und schwierig“, sagte der Sprecher des Außenministeriums, Hong Lei.

Das Pentagon kündigte an, angesichts der Drohungen aus Nordkorea „in den kommenden Wochen“ ein Raketenabwehrsystem auf der zu den USA gehörenden Pazifik-Insel Guam aufzustellen. Das US-Militär beorderte in den vergangenen Tagen bereits Kampfflugzeuge und Zerstörer in die Region.

Auch die Europäische Union warnte Nordkorea davor, weiter auf Konfrontation zu setzen. „Anhaltende Verstöße gegen internationale Verpflichtungen durch Nordkorea, die die Stabilität in der Region bedrohen, werden unausweichlich zu einer noch geschlosseneren Antwort der internationalen Gemeinschaft führen“, erklärte die EU-Außenbeauftragte Catherine Ashton in Brüssel.

Unterdessen meldeten die südkoreanische Nachrichtenagentur Yonhap und die japanische Zeitung „Asahi Shimbun“ übereinstimmend, Nordkorea habe eine Mittelstreckenrakete an die Ostküste verlegt.

Doch egal, ob in den USA, Russland oder China: Alle rätseln, ob der junge nordkoreanische Führer seinen Drohungen auch Taten folgen lässt, oder ob er nur blufft. „Kim Jong Un ist gefährlich“, warnt Kim Heung-kyu, Professor an der Sungshin Universität in Seoul und Experte für die Beziehungen zwischen China und Nordkorea in Peking. „Er ist jung, unerfahren, und es drängt ihn, seinem Volk zu zeigen, was für ein großer Führer er ist.“ Der Experte sieht hinter dem Kriegsgetrommel vor allem innenpolitische Gründe. Der neue Militärführer müsse seine Macht in der nur rund 200 Mitglieder zählenden Führungselite in Pjöngjang konsolidieren.

Drohungen noch nie so ernsthaft wie jetzt

Die nahezu täglichen Drohungen heben sich nach Einschätzung ausländischer Experten auch von denen früherer Krisen ab. Es habe „eine neue Qualität“, berichtet der parlamentarische Geschäftsführer der Unionsfraktion, Manfred Grund, der gerade Nordkoreas Hauptstadt besucht hat. „Soweit sei es noch nie eskaliert.“ Auch die offizielle „Verteidigungsbereitschaft“ sei früher nie ausgerufen worden, egal wie angespannt die Lage gewesen sei. Nordkorea sei verärgert über China und Südkorea, aber rege sich vor allem über die USA auf. Die vorherrschende Lesart sei: „Die USA haben die ganze Welt und den UN-Sicherheitsrat aufgehetzt“, zitiert Grund, der im Auswärtigen Ausschuss des Bundestages sitzt.

Grund beschreibt die Nordkoreaner als Opfer ihrer eigenen Propaganda. Sie wähnten sich in einem „Heiligen Krieg“ und glaubten, die USA wollten ihre Wirtschaftskrise „durch die Entfesselung eines neuen Koreakriegs lösen“, zitiert er. „Sie haben das Gefühl, sie stünden unmittelbar vor einem Nuklearkrieg.“ Er sei in Pjöngjang bei nordkoreanischen Gesprächspartnern auf eine völlig verhärtete Haltung gestoßen – selbst bei solchen, die sonst viel differenzierter seien. „Sie sind felsenfest von dem überzeugt, was sie tun“, sagt Grund. „Ich habe das Gefühl, dass die Nordkoreaner von dieser Stufe der Eskalation nicht mehr herunterkommen.“

Angebliches Ultimatum an Kaesong-Arbeiter

Erneut untersagte Pjöngjang südkoreanischen Beschäftigten die Einreise in den gemeinsam betriebenen Industriekomplex Kaesong. Einen Yonhap-Bericht, wonach alle Südkoreaner Kaesong bis zum 10. April verlassen müssen, dementierte das Vereinigungsministerium in Seoul. Die nordkoreanischen Behörden hätten lediglich einige Unternehmen aufgefordert, eine Liste mit Namen von Arbeitern zu übergeben, die den Komplex bis zu diesem Datum verlassen wollten. Laut Seoul befanden sich noch 812 Südkoreaner in der Anlage.

Die nordkoreanische Führung hatte am Mittwoch zugesagt, dass alle sich in Kaesong aufhaltenden Südkoreaner ausreisen dürften. Aktuell drohte Nordkorea mit dem Abzug seiner 53.000 Arbeiter aus dem Komplex. Der Wirtschaftspark liegt in Nordkorea etwa zehn Kilometer von der Grenze zu Südkorea entfernt. Er wurde 2004 als Projekt der grenzüberschreitenden Zusammenarbeit gegründet und galt seitdem als wichtiges Symbol der Annäherung; er ist überdies eine wichtige Devisenquelle für das kommunistische Nordkorea.

 

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