Chinas Mittelstand fürchtet Pleitewelle

Die chinesische Regierung kämpft gegen die hohe Inflation. Zugleich soll aber das rasante Wirtschaftswachstum weitergehen. Die Folgen dieser Politik spürt der Mittelstand des Landes. Viele Firmen haben Angst vor der Pleite, weil die Kosten steigen und sie kaum noch Kredite bekommen.

Millionen von Vuvuzelas für die Fußball-Weltmeisterschaft machten Wu Hanfeng im vergangenen Jahr berühmt, aber nicht reich. Heute kämpft seine winzige Plastikfabrik im chinesischen Ningbo ums Überleben. „Das Geschäft läuft gut, aber ich verdiene daran nichts mehr“, berichtet er. „Wir stellen gerade Tröten für die Olympischen Spiele in London her. Es gibt viele Bestellungen, dennoch lässt sich kein Geld machen.“ Sein Unternehmen könne für die gleichen Produkte nicht plötzlich viel höhere Preise verlangen, obwohl alle Kosten gestiegen seien: die Löhne, die Zinsen und der Wechselkurs der Landeswährung. „Wenn wir all das aufschlagen würden, müssten wir unsere Waren in Deutschland um ein Drittel teurer anbieten. Das würden die deutschen Kunden doch nicht mitmachen“, sagt Wu.

Inflationsrate und Rohstoffpreise steigen

Der Vuvuzela-Hersteller ist mit seinen Problemen nicht allein. Zhou Dewen, Vorsitzender der Mittelstandsvereinigung von Wenzhou, befürchtet sogar, dass im kommenden Jahr 40 Prozent der kleinen und mittleren Unternehmen in China schließen müssen. „Wenn viele dieser Firmen gleichzeitig scheitern, gerät die soziale Stabilität in Gefahr. Noch ist das nicht passiert. Niemand kann mit Sicherheit sagen, ob es tatsächlich eine Pleitewelle geben wird. Aber vieles läuft momentan schief“, sagt Zhou. Die Produktionskosten seien unberechenbar geworden, weil sowohl die Inflation als auch die Kosten für Rohstoffe stiegen. „Und weil die Geldpolitik im Kampf gegen die Inflation strenger wird, vergeben die Banken weniger Kredite“, berichtet Zhou. „Wenn sich die Firmen gar kein Geld leihen, sind sie sofort pleite. Wenn sie Kredite aufnehmen, halten sie ein bisschen länger durch. Sie müssen aber neue Kredite aufnehmen, um die alten zu bedienen. Am Ende bleibt ihnen nichts anderes übrig als zu schließen.“

Vuvuzuela-Produzent Wu Hanfeng sieht noch ein Problem – nämlich, dass Staatsbanken Staatskonzerne bevorzugen. „Staatskonzerne sind reich und erhalten Zugang zur Finanzierung“, sagt er. „Bei uns sieht das leider anders aus. Große Banken leihen uns kein Geld. Höchstens die kleinen. Einige Firmen bekommen sogar überhaupt keine Kredite von offiziellen Banken. Also wenden sie sich an Geldverleiher. Da zahlen sie aber monatliche Zinsen von zehn Prozent.“

Zinsen höher als die Gewinnspanne

Das bricht vielen das Genick. Die Textilindustrie in der Provinz Zhejiang, zu der Wenzhou gehört, arbeitet mit einer Gewinnspanne von nur fünf Prozent. Von den 360.000 Mittelständlern in Wenzhou mussten seit der Finanzkrise 2009 bereits 20 Prozent aufgeben. Mittelstandsvertreter Zhou fordert die Regierung auf, die Mittelständler zu retten: durch Steuererleichterungen, durch ein Ende der Zinserhöhungen und durch einen leichteren Zugang zum Finanzmarkt.

„Ich finde nicht, dass das Monopol und die strenge Kontrolle des Staates über den Finanzmarkt unserer Wirtschaft gut tun“, sagt er. „Einerseits haben wir viel privates Kapital, gerade in meiner Heimatstadt Wenzhou. Andererseits kommen die privaten Firmen nur schwer an Kredite. Ich wäre dafür, mit privatem Geld spezielle Banken für private Firmen aufzubauen. 70 Prozent der Unternehmen in Wenzhou arbeiten für den Export. Sie stecken im Dilemma.“ Denn sie müssten sich zweimal überlegen, „ob sie Aufträge überhaupt annehmen können – weil sie sonst möglicherweise drauflegen“. Noch ist Zhou überzeugt, dass die Regierung eine Lösung finden wird.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *