Geschrieben am 8. April 2012 von Redaktion abgelegt in der Kategorie Islam, Türkei,
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Das letzte Ordensspital im muslimischen Istanbul

Die Barmherzigen Schwestern aus Österreich behandeln im St.-Georg-Krankenhaus in Istanbul Arme, Obdachlose, Flüchtlinge. Also Patienten, denen sonst keiner hilft.

Aufregung im Foyer des St.-Georgs-Spitals zu Istanbul. Ein Krankenwagen steht vor der Tür, eine Bahre wird hinausgeschoben, darauf ein farbiger Mann, bewusstlos. Schwester Berlinde, im blauen Ordensgewand der Barmherzigen Schwestern, telefoniert mit einer Hand, gestikuliert mit der anderen, gibt Anweisungen. „Der Mann liegt seit sechs Tagen bei uns“, sagt sie. Man weiß noch immer nicht genau, was er hat. „Alle Tests und ein Gehirn-Scan haben nichts ergeben.“ Nun wird er für einen Ganzkörper-Scan in ein spezialisiertes Krankenhaus gebracht.

Danach wird er zurückkommen. Denn außer dem Spital der Ordensschwestern wird ihn in Istanbul niemand behandeln. Ein Flüchtling. Die staatlichen Krankenhäuser lehnen den hilfsbedürftigen Mann ab, weil er keine Papiere hat. Die privaten, weil er kein Geld hat.

„Herr, gib dem Mann Kraft, dessen Finger amputiert werden“

Für die Schwestern hat der Tag um sechs Uhr früh begonnen, mit den „Betrachtungen“, eine Art Meditation. Um 6.45 Uhr dann das gemeinsame Morgengebet. Texte aus dem „Kleinen Stundenbuch zur Fasten- und Osterzeit“, in einem sanften, eindringlichen Singsang vorgetragen. Dann die Fürbitten. „Herr, gib dem Mann Kraft, dessen Finger heute amputiert werden.“

Er stammt aus Guinea. Illegal kam er über die Berge ins Land, drei aus seiner Gruppe froren zu Tode, ihm froren die Finger ab. Später wird ein plastischer Chirurg zur Stelle sein, um die Stümpfe herzurichten. Geld dafür kommt zum Teil aus Spenden, die die Schwestern von der Zentrale ihres Ordens in Paris zugeteilt bekommen, und teilweise von einem Flüchtlingshilfswerk.

Ohne Schwestern sinkt das Niveau rapide

Hilfe für die, denen sonst niemand hilft – solche Fälle machen nur etwa drei Prozent der Patienten aus, aber sie sind einer der Gründe, warum St. Georg einzigartig in Istanbul ist und in der ganzen Türkei. Es ist das letzte Ordensspital.

Gynäkologin Vartanus Gürses zählt auf: „Das deutsche, das französische, das italienische Krankenhaus – sie alle waren Ordensspitäler, aber aus allen haben sich die Schwestern zurückgezogen.“ Die Orden schrumpfen, es gibt keinen Nachwuchs. Sie selber hat miterlebt, was am italienischen Krankenhaus geschah, nachdem die Schwestern gingen. „Das Niveau sank rapide.“

„Das war noch Orient damals“

Nur St. Georg ist geblieben, das „österreichische Krankenhaus“. Es ist ein Stück Istanbuler Geschichte. Im Jahr 1872 rief der Sultan zwei Barmherzige Schwestern aus Österreich nach Istanbul, weil eine Cholera-Epidemie wütete und es an Pflegern fehlte. Mit der Zeit erwuchs daraus ein Hospital, geführt von einer Kommission, in der der Sultan und der Wiener Hof vertreten waren.

Schwester Heliodora (69) dient seit 26 Jahren in St. Georg, Schwester Irene (70) gar seit 1983. Sie erinnern sich an den alten Fisch- und den Gemüsemarkt am Goldenen Horn, um Träger, die sich darum drängelten, die Einkäufe der Schwestern für sie zu tragen, und an Menschen, die viel herzlicher waren als heute. „Das war noch Orient damals“, sagt Sr. Heliodora. „Heute ist es ja eine ganz moderne Stadt.“

Abtreibung ist tabu in St. Georg

Helene Tekin, eine Deutsche aus Koblenz, ist seit noch längerer Zeit Stammkundin in St. Georg, als die älteren Schwestern dort arbeiteten. „Früher haben die Schwestern alles gemacht, und es waren viel mehr“, erinnert sich Frau Tekin, die 1961 nach Istanbul heiratete. „Mit der Zeit wurden die Schwestern dann immer weniger, und es kam immer mehr Personal von außen.“ Heute zählt das Hospital mehr als 70 Mitarbeiter, davon neun Schwestern, deren Orden zugleich der Träger des Krankenhauses ist.

Fünf der weltlichen Angestellten sind örtliche Christen. „Das stellt sich immer nachher heraus“, sagt Schwester Heliodora, „wir achten nicht auf Religionszugehörigkeit.“ Woraus sie achten, ist Menschlichkeit. „Wenn jemand gleich fragt, wie viel man verdienen kann, dann wissen wir, dass das nicht die richtige Person ist“, sagt Sr. Heliodora. Wichtig sind auch gewisse ethische Prinzipien. Abtreibung ist tabu in St. Georg, ebenso künstliche Befruchtung.

Flüchtlinge und Arme werden kostenlos behandelt

Heute ist St. Georg eines der besten Krankenhäuser Istanbuls, aber anders als die anderen. „Es gibt die staatlichen Krankenhäuser“, erklärt Internist Metin Telli. „Da ist es egal, wie gut oder wie schlecht man arbeitet, es zählt nur die Quantität. Und es gibt die privaten, da zählt nur das Geld, der Umsatz.“ In St. Georg steht der Mensch im Mittelpunkt. Als einziges der großen privaten Hospitäler akzeptiert man die staatliche Krankenversicherung, behandelt Flüchtlinge und die Ärmsten kostenlos, nimmt sich Zeit für die Menschen und verlangt grundsätzlich weniger Geld als die anderen privaten. Patienten rühmen die „Sauberkeit“ und die Freundlichkeit des Personals.

„Es ist eine Art Unternehmenskultur hier, die Loyalität hervorruft – bei den Ärzten und auch bei den Patienten“, sagt Chefarzt Erdal Kalali. „Manche kommen von sehr weit hierher. Und diese Kultur geht von den Ordensschwestern aus. Das kann man mit Geld nicht kaufen, und es macht uns einzigartig.“ Und seine Bewunderung für die Schwestern ist groß: „Ich verstehe nicht, woher sie die Kraft nehmen.“

 

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