Geschrieben am 14. Juni 2011 von kewil abgelegt in der Kategorie Globale Nachrichten,
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Der Hauptmann von Damaskus

Jung, westlich, weiblich und ein bisschen lesbisch – das ist das ideale Gesicht des “arabischen Frühlings”, das xenophile Westler halluzinieren, um sich selbst der Freiheitsliebe der arabischen Völker und der Reformfähigkeit islamischer Gesellschaften zu versichern. Der Glaube steht unerschütterlich, auch wenn das Ergebnis der ägyptischen Revolution sich inzwischen für jeden sichtbar als Machtergreifung erzreaktionärer, antisemitischer Moslembrüder und der deutlichen Verschlechterung der Lebensbedingungen von Christen, Atheisten, Homosexuellen und Frauen erweist.

Nicht anders in Syrien, wo offenkundig radikale Moslems hinter den Umsturzbemühungen gegen das säkular-faschistische Assadregime stehen. Um doch berichten zu können, was sein soll statt was ist, greifen Qualitätsjournalisten nach jedem Strohhalm. Und so kam eine junge, lesbische Bloggerin den Schreibern, die uns die Welt erklären wollen, gerade Recht, als “Gesicht des arabischen Frühlings” in Syrien. Und weil der Mensch gern an dem festhält, was zu schön ist, um wahr zu sein, dauerte es lange, bis die Medienprofis darauf gestoßen wurden, dass sie einer Fata Morgana aufgesessen waren. Syriens bekannteste “Bloggerin”, die eine ganze Solidaritätsbewegung bei Facebook in Gang setzte, war der gutgemachte Fake eines amerikanischen Studenten in Schottland. Offenbar so erfolgreich gegendert, dass er die Rolle der syrischen Lesbe gut genug spielen konnte, um einige der angesehensten westlichen Medien hinters Licht zu führen. Der SPIEGEL berichtet:

Nein, er habe nie mit dieser enormen Aufmerksamkeit gerechnet, schreibt ein gewisser Tom MacMaster. Er glaube auch nicht, jemandem geschadet zu haben. Zwar sei die Stimme der Erzählerin fiktional gewesen, die geschilderten Fakten aber seien wahr. Es ist der aktuellste Beitrag im Blog ” A Gay Girl in Damascus”, gepostet unter dem Usernamen Amina A.

Amina Abdallah Arraf, das lesbische Mädchen aus Damaskus, das in den vergangenen Wochen zu einer der bekanntesten Bloggerin des arabischen Frühlings avancierte, ist in Wahrheit ein amerikanischer Mann mittleren Alters, der in Schottland lebt, wie BBC und “Guardian” übereinstimmend berichten.
Damit endet das Rätselraten über die Echtheit eines Blogs, über das Zeitungen, Fernsehsender und Newssites berichtet hatten, darunter “Time”, “Guardian”, Huffington Post, CBS, CNN, ABC, al-Dschasira, die “Washington Post”. Hunderte von Beiträgen und Texten erschienen, so wie zuletzt vor vier Wochen, als der Erlebnisbericht von Aminas angeblich verhinderter Verhaftung die Augen der Welt auf das Blog lenkte.

Das Mädchen in Damaskus, das nicht nur Romanauszüge und Gedichte veröffentlichte – denn so begann das Blog am 19. Februar 2011 – sondern auch Regimekritik. Gutaussehend und weltoffen, binational dazu: halb Syrierin, halb Amerikanerin. Es ist kein Wunder, dass sich die Medien auf diese vermeintliche Heldin stürzten, die angeblich Haft und Leben riskierte mit ihrem doppelten Bekenntnis zu Homosexualität und Opposition. (…)

Doch spätestens als sich herausstellte, dass eines der angeblichen Amina-Fotos jemand anderen zeigte, stellten sich Zweifel ein. Wenige Stunden nach Veröffentlichung eines letzten Artikels über Amina Arraf ruderte zuerst die “New York Times” ein Stück zurück und veröffentlichte in der Nacht zum vergangenen Mittwoch ein Update, das die bisher scheinbar faktenorientierte Berichterstattung über Amina unter Vorbehalt stellt. Zurecht, wie sich jetzt zeigt.

Denn Tom MacMaster schreibt in dem erwähnten letzten Beitrag, den er nach eigenen Angaben von Istanbul aus verfasst hat, er sei der einzige Autor aller Blog-Einträge gewesen. Er habe nur auf das Leben der Menschen im Nahen Osten aufmerksam machen wollen. Laut “Guardian” hat MacMasters Frau in einer E-Mail seine Identität und sein Geständnis bestätigt. In einem Telefoninterview mit der BCC sprach er selbst darüber.

Der 40-Jährige ist an der Universität Edinburgh für ein Masterprogramm eingeschrieben. Auf seinem Amina-Blog war Anfang vergangener Woche ein Eintrag von einer angeblichen Cousine der jungen Frau aufgetaucht, wonach diese auf offener Straße von drei bewaffneten Männern in ein Auto mit regierungsfreundlichen Aufklebern gezerrt worden sei. Dieser Eintrag alarmierte die Leser des Blogs. Sie sorgten sich um die Frau und gründeten unter anderem bei Facebook die Seite “Befreit Amina Abdallah”, die innerhalb kürzester Zeit fast 15.000 Anhänger hatte.(…)

Die Enthüllung sorgte laut “Guardian” und BBC jetzt bei Amina-Unterstützern und Oppositionellen für Wut und Aufregung. Die BCC zitiert ein libanesisches Blog, in dem es heißt: “Wenn ich eines Tages von meiner Regierung gekidnappt werde, wird sich niemand dafür interessieren – es könnte ja sein, dass ich mich als zweite Amina herausstelle.”

Auch schwule und lesbische Aktivisten sind demnach empört. Auf der Seite GayMiddleEast.com heißt es, MacMaster solle sich schämen. Es gebe Blogger in Syrien, die unter schweren Umständen versuchten, aus dem Land zu berichten. Die habe MacMaster in Gefahr gebracht. Und er sei verantwortlich, wenn jetzt auch die Echtheit anderer Blogs angezweifelt werde. Ähnlich lesen sich viele Beiträge bei Twitter.

MacMasters Entschuldigung, heißt es, werde nicht akzeptiert.

Ein moderner Hauptmann von Köpenick hat den Illusionisten den Spiegel vorgehalten. Das das alte Prinzip gilt immer noch: Erzähle den Menschen, was sie glauben wollen und sie werden es glauben. Nur die Verpackung hat sich geändert. Die kritiklose Ehrfurcht, die zu Kaisers Zeiten der Militäruniform galt, projeziert ihre unerfüllten Wünsche heute auf die kombinierten Attribute weiblich, muslimisch und lesbisch. Danke, Tom Mac Master, dass Du uns das bewiesen hast.

1 Kommentar

  1. Anima – Identität und Authentizität als Problem der Simulation « Differentia

    18. Juni 2011 @ 13:48

    […] sei sie aber die Erfindung eines amerikanischen Studenten, der die Geschichte eines „Hauptmann von Damaskus“ wiedererinnert habe und mit diesem Hoax weltweite Aufmerksamkeit erregen konnte, da es […]

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