Geschrieben am 30. Dezember 2013 von Redaktion abgelegt in der Kategorie Türkei,
Kommentare (0)

Der Türkei droht der Wirtschaftscrash

Erdogan Türkei Turk Turkey

Die Türkei war lange der Star unter den Schwellenländern. Das Wachstum war stark. Doch nun zeigt sich, dass der Erfolg nur eine Illusion war. Die Blase droht zu platzen.

Die Türkei hat eine goldene Dekade hinter sich. Kaum ein Land im Nahen Osten hat eine derartige wirtschaftliche Erfolgsgeschichte aufzuweisen wie das Land am Bosporus. Das Bruttoinlandsprodukt stieg seit dem Jahr 2000 im Durchschnitt um sechs Prozent pro Jahr und hat sich mittlerweile mehr als verdreifacht.

Auch der wichtigste Türkische Aktienindex, ISE 100, stieg im gleichen Zeitraum von 20.000 Basispunkten bis zum Mai 2013 auf über 90.000 Basispunkte. Gestört wird dieser orientalische Traum durch die US-Notenbank und die politische Unsicherheit in der Türkei. Die Erfolgsgeschichte könnte 2014 ein jähes Ende finden, da der Wirtschaftsboom auf Sand gebaut ist.

Über fünf Trillionen Dollar – eine kaum vorstellbare Geldsumme – ist seit dem Jahr 2003 von den westlichen Industrienationen in die Emerging Markets geflossen, zu denen auch die Türkei gezählt wird. Die Finanzkrise befeuerte diesen Effekt zusätzlich, denn Geld ist äußerst flexibel, wenn es um die Suche nach Anlagemöglichkeiten geht.

Die US-Notenbank bestimmt, wohin das Geld fließt

In den westlichen Industrienationen wirft das Kapital dank Niedrigzinspolitik kaum Renditen ab. Anders hingegen in den Emerging Markets, die lange mit hohen Verzinsungen lockten. Nun aber reduzierte die US-Notenbank das Ankaufprogramm für eigene Staatsanleihen auf 75 Milliarden US-Dollar. Ein erster Schritt zur Straffung der Geldpolitik auf den weitere wahrscheinlich folgen werden. Seit der Ankündigung durch die US-Notenbank im Mai sind die US-Anleihezinsen kräftig gestiegen und Investoren können nun auch zu Hause wieder Rendite erwirtschaften.

Damit kehrt sich auch der Geldstrom um. Aus den Emerging Markets fließt Kapital zurück in die Industrienationen. Dann kommt ein Spruch von Warren Buffett zum Einsatz: „Wenn die Ebbe einsetzt, sieht man, wer keine Badehose trägt.“ Gut möglich, dass dies auf die Türkei zutrifft, denn alle Erfolge der letzten Dekade basieren nicht auf Produktivitätsfortschritten, sondern dominant auf dem Zufluss ausländischen Kapitals.

Rund 70 Prozent des türkischen Wirtschaftswachstums basiert auf Inlandskonsum. Gleichzeitig weist das Land aber ein beständiges Leistungsbilanzdefizit auf und ist damit abhängig von ausländischen Kapitalzuflüssen. Allein in 2013 wird mit einem Defizit von 7,1 Prozent gerechnet, in 2012 waren es noch 6,1 Prozent.

Wirtschaftswachstum deutlich schwächer als gedacht

Bleibt der Kapitalzustrom aus, kann der Konsum nicht fortgesetzt werden. Dieser Effekt ist bereits messbar: das Wirtschaftswachstum musste von prognostizierten vier Prozent auf 2,2 Prozent dieses Jahr revidiert werden.

Investoren fangen an, Kapital aus der Türkei abzuziehen. So flossen seit Ende Mai 2013 rund 4,2 Milliarden Dollar aus dem Land. Auch der Aktienmarkt antizipiert eine negative Entwicklung. Der ISE 100 gab in 2013 um rund 30 Prozent nach und gleichzeitig stiegen die Zehn-jährigen Anleiherenditen auf über zehn Prozent. Last but not least lässt sich die negative Entwicklung der türkischen Wirtschaft auch an der Landeswährung ablesen. Die Türkische Lira verlor zum Euro seit Mai 2013 über 20 Prozent . Alles in allem deutliche Anzeichen einer ausgeprägten Kapitalflucht.

Erschwerend kommt hinzu, dass die türkischen Banken den ausländischen Kapitalzufluss der letzten Jahre aufgesogen und ihn als Kredite dem Unternehmens- und Privatsektor zur Verfügung gestellt haben. Die Banken dürften Schwierigkeiten bekommen, diese ausländischen Kredite – viele nicht währungsgesichert – zu bedienen, denn die Türkische Lira verfällt zusehends, während der Verschuldungsgrad stetig steigt. Allein die Unternehmensschulden sind mittlerweile auf 54 Prozent des türkischen Bruttoinlandsprodukts in 2012 angeschwollen.
Fast jeder Türkei besitzt eine Kreditkarte

Im Privatsektor sieht es nicht besser aus. Dazu nur einige Fakten: Private Hausbaukredite haben sich in den letzten Jahren annähernd verhundertfacht und haben zu einem Immobilienboom beigetragen, der stark an die US-Hauspreisblase erinnert. Eine Bevölkerung von 75,6 Millionen besitzt 56,7 Millionen Kreditkarten, mit denen sie in den letzten drei Jahren rund 40 Milliarden US-Dollar Schulden aufgebaut hat. Knapp sechs Prozent dieser Kredite werden bereits nicht mehr bedient und 42 Prozent der Konsumentenkredite werden von Menschen getragen, die weniger als 700 Euro im Monat verdienen. Dies liest sich wie die amerikanische Subprime-Krise auf Türkisch. Bleibt das ausländische Kapital jedoch fern oder wird gar abgezogen, ist ein kreditfinanziertes Wachstum nicht nur unmöglich, sondern die bestehenden Schulden können nicht refinanziert werden, insbesondere vor dem Hintergrund eines drastisch gestiegenen Zinsniveaus. Beispielswiese ist die Anleiherendite einer Zehn-jährige türkischen Staatsanleihe seit Mai um über 60 Prozent auf 9,89 Prozent gestiegen.

Die Folge: Unternehmen und Privatpersonen werden aufgrund steigender Zinsen ihre Schulden nicht bedienen können. Das Wirtschaftswachstum schrumpft deutlich und eine deflationäre Abwärtsspirale könnte die Folge sein. Die abwertende Türkische Lira wird immerhin den Export stärken, aber ob dieser einzige Lichtblick ausreichen wird, um die sich verdunkelnde Lage am Bosporus zu erhellen, darf bezweifelt werden. In diesem Umfeld werden die wahren Probleme der Türkei entblößt: Korruption, mangelnde Infrastruktur und eine ineffiziente Verwaltung.
Wut auf die Regierung

Zu all den wirtschaftlichen Herausforderungen kommen auch die gesellschaftlichen Spannungen. Ein autoritärer Staatschef, der das streng laizistische Erbe von Atatürk hin zum Islam korrigieren will, trifft auf eine dominant junge Bevölkerung, die sich zur westlich geprägten Freiheitskultur hingezogen fühlt.

Die ersten Ausschreitungen haben sich gerade erst beruhigt, da erschüttert der massivste Korruptionsskandal in der türkischen Geschichte das Land. Ende Dezember haben bereits zehn Minister das Kabinett verlassen müssen – Ende offen. Es darf bezweifelt werden, ob dieses Umfeld Investoren positiv stimmt. Die Türkei steuert auf ein schweres Jahr 2014 zu. Wirtschaftlich und gesellschaftlich steht das Land vor großen Herausforderungen.

Keine Kommentare

Leave a comment

Login