Die „seriösen“ Schweizer-Banken und das Nazigold

Die Schweiz war für Hitler-Deutschland der wichtigste Abnehmer von Raubgold und wußte bereits im Jahr 1941 Bescheid über die dunkle Herkunft des Goldes. Dies bestätigt ein am Dienstag veröffentlichter Zwischenbericht einer internationalen, unabhängigen Historikerkommission in der Schweiz. Auch 120 Kilo Totengold von Holocaust-Opfern gelangten in die Schweiz. Die klaren Worte im Bericht der internationalen Historikerkommission werden die Eidgenossen, der weltweiten Kritik an der Rolle des Landes während des Zweiten Weltkrieges schon lange überdrüssig, schockieren.

Die Schweizer Akteure hätten sich bei den Goldtransaktionen von der „Routine und dem Weg des geringsten Widerstandes“ leiten lassen, sagte Jean-Francois Bergier, der Schweizer Präsident der Kommission. „Den Akteuren fehlte es an Vorstellungskraft und Weitsicht. Sie haben nicht begriffen, welche Verbrechen und welche tragischen Schicksale sich hinter ihren Worten, ihren Argumenten, ihrem Kalkül, ihrer Engherzigkeit und ihrer Überzeugung verbargen.“ Ohne die Geschäftigkeit der Eidgenossen wäre Hitler-Deutschland nämlich auf dem Raubgold sitzengeblieben, das aus den Tresoren der Zentralbanken besetzter Länder stammte.

Handel mit Totengold

Dem Zwischenbericht zufolge wickelte die Deutsche Reichsbank 79 Prozent aller Goldlieferungen ins Ausland über die Schweiz ab. Davon entfielen 87 Prozent auf die Schweizerische Nationalbank (SNB), also auf die Zentralbank, 13 Prozent auf die Geschäftsbanken. Vor allem in den Jahren 1940 und 1941 handelte die Reichsbank intensiv mit den Geschäftsbanken. Sie kauften 50 Tonnen Gold im damaligen Wert von 243 Millionen Franken; es stammte vor allem aus der Sowjetunion. 1,6 bis 1,7 Milliarden Franken betrug der Wert der Gold-Lieferungen von 350 Tonnen an die SNB. Die Schweizer lieferten erhebliche Mengen an Portugal, Spanien und Rumänien.

Auch mit sogenanntem Totengold, das Holocaust-Opfern im KZ geraubt wurde, handelten die Banken. Die Menge habe rund 120 Kilogramm Gold betragen mit einem Wert von 600 000 Franken, ergaben die Untersuchungen der Kommission. Geliefert wurde das Gold von SS-Hauptsturmführer Bruno Melmer. Die Direktion der SNB habe spätestens 1943 von der Konfiskation des Goldes deportierter Juden gewußt. Weitere Abnehmer von Opfergold waren dem Bericht zufolge die Deutsche Bank, die Dresdner Bank, die Degussa und das Consorzio Italiano Esportazioni Aeronautiche.

Fehlende Gutgläubigkeit

Die SNB-Direktion soll 1942 sogar die Umschmelzung von Goldsendungen aus dem Dritten Reich erwogen und sich Argumente zur Verteidigung bereitgelegt haben. Die Alliierten hatten die Schweizer 1941 über die Herkunft des Raubgoldes informiert. Trotzdem hätten sich die Vertreter der Banken noch in den letzten Kriegsmonaten für weitere Goldgeschäfte eingesetzt, hält die Kommission fest. Berns Ziel der Geschäfte mit den Nazis war es, einen Einmarsch der Hitler-Truppen ins neutrale Alpenland zu verhindern. „Aus heutiger Sicht sind die Argumente der Gutgläubigkeit und der neutralitätspolitischen Verpflichtung zu den Goldübernahmen nicht stichhaltig“, konstatiert die Kommission.

Die Expertenkommission wurde von der Schweizer Regierung eingesetzt. Der Kommission, unter dem Vorsitz des Schweizer Professors Jean-Francois Bergier, gehören Experten aus Israel, Polen, den USA, Großbritannien sowie fünf Schweizer an. Die Schweizer Regierung will mit der „lückenlosen Aufklärung“ der Rolle des Landes während des Zweiten Weltkrieges verlorene Glaubwürdigkeit zurückgewinnen. Es geht um die Frage, ob die Schweiz genügend Wiedergutmachung geleistet hat. Bern hatte sich nach massivem Druck der US-Regierung 1946 in einem Staatsvertrag bereit erklärt, 58 Millionen Dollar als Entschädigung an die Alliierten zu bezahlen. Von einer Neuverhandlung des Abkommens will die Schweizer Regierung bis heute nichts wissen. Die Schweizer Großbanken verhandeln derzeit in den USA mit dem Jüdischen Weltkongreß und Sammelklägern über einen „allgemeinen Gerechtigkeitsfonds“, um die Kontroverse beizulegen. Die Schweizerische Nationalbank überwies 125 Millionen Mark an einen „Solidaritätsfonds“ für Holocaust-Überlebende. Und die Regierung schlug vor, 8,5 Milliarden Mark aus dem Goldschatz der Nationalbank in eine Stiftung zu zahlen. Die 300 Millionen Mark Zinsen pro Jahr sollen Notleidenden im In- und Ausland helfen. Rechtskonservative Politiker bekämpfen den Vorschlag und sehen darin den Beleg dafür, daß sich die Schweiz erpressen lasse.

Ein Gedanke zu „Die „seriösen“ Schweizer-Banken und das Nazigold

  • 16. Mai 2011 um 14:51
    Permalink

    Guten Tag !
    und wie weit sind wir heute ? Hunderte Überlebende sterben ohne irgend eine Abgeltung !
    Das Raubgold der Alliierten befindet sich immer noch in der Bank of England in Brüssel unter der „Schirmherrschaft“ der Aliiertenkonferenz, die ihren Sitz in der UK-Botschaft in Brüssel hat !
    Das ist ein Verbrechen und müsste vor den Menschenrechtsrat und/oder Den Haag.
    Macht sich das Schweizervolk wiederum schuldig, indem es nicht gegen diese Missstände aufsteht ?
    16.05.2011

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