EHEC als Biowaffe

Wurde EHEC gezielt in die Nahrungskette eingebracht? Undenkbar ist das nicht, denn das Bakterium ist unter bestimmten Umständen tatsächlich als Biowaffe geeignet. Ein Überblick.

Die Gurken waren es also doch nicht, und Deutschland sucht weiter die EHEC-Quelle. Ich persönlich tippe auf einen symptomlosen Träger irgendwo in der Lieferkette. Die Anschlag-Theorie die teilweise kursiert, halte ich für unwahrscheinlich, grundsätzlich sind derartige Überlegungen nicht von der Hand zu weisen: EHEC ist eine potentielle Biowaffe. Es fällt jetzt natürlich nicht das erste Mal jemandem auf, dass EHEC als infektiöses Agens für einen biologischen Angriff eine Reihe von Vorteilen hat. Das CDC in den USA klassifiziert EHEC O157:H7 als Bioterrorismus-Agens der Kategorie B, einfach zu verbreiten und selten tödlich, das die Lebensmittelversorgung bedroht.

Gemessen an klassischen Biowaffen ist EHEC vergleichsweise harmlos und kommt für klassischen Terrorismus, der ja in großem Stil Furcht und Schrecken verbreiten soll, kaum in Betracht. Allerdings gibt es eine Reihe Szenarien[1], in der Unternehmen oder Privatpersonen einen solchen Keim einsetzen können, um bestimmte Ziele zu erreichen. Dabei käme ihnen sogar entgegen, dass EHEC kaum Menschen tötet – Leichen machen Ärger. Mankann am aktuellen Ausbruch schön beobachten, wie viel Aufregung man auch mit einem vergleichsweise wenig spektakulären Krankheitskeim erzeugen kann.

Auf jeden Fall hätte ein potentieller Attentäter mit biotechnischen Grundkenntnissen vergleichsweise wenig Probleme, sich Material für die Attacke zu beschaffen – zu weit ist der Keim verbreitet. Weltweit zeigen Studien, dass beträchtliche Teile der Rinderbestände EHEC und andere Shiga-Toxin produzierende E. coli beherbergen und ausscheiden[2]. In einer brasilianischen Studie von 1999 waren es 53 Prozent des Schlachtviehs und 82 Prozent aller Milchkühe, in Australien 40 Prozent aller Lämmer (und von diesen wiederum 10 Prozent EHEC O157) und in Deutschland im Jahr 2000 immerhin 20 Prozent der Rinder. Nicht zuletzt sind auch Menschen gelegentlich symptomlose Träger von STEC, beziehungsweise EHEC. In einer Schweizer Studie fand man 2000 im Stuhl von Arbeitern in fleischverarbeitenden Betrieben EHEC-DNA in insgesamt 3,5% aller Proben.

Den Nebeneffekt dieser weiten Verbreitung sehen wir gerade beim aktuellen EHEC-Ausbruch: Es ist praktisch unmöglich zu sagen, woher der Keim in den Lebensmitteln gekommen ist. Zumal, und das ist die zweite Eigenschaft, die Bakterien wie EHEC biowaffentauglich machen, schon sehr geringe Keimzahlen für eine Infektion ausreichen. Weniger als hundert Bakterien, irgendwie in den Magen-Darm-Trakt gelangt, reichen völlig aus. Anders als die prominenteren Biowaffen wie Anthrax ist E. coli außerdem vergleichsweise anspruchslos was die Verbreitung angeht. Der Keim vermehrt sich bei Temperaturen zwischen ungefähr 7 und 50 Grad, also eigentlich praktisch überall und immer, so lange geeignete Nährstoffe zur Verfügung stehen.

Deswegen ist EHEC auch so schön einfach zu züchten. Es hat schon seine Gründe, weshalb Escherichia coli Molekularbiologie-Grundpraktika an Universitäten weltweit das Bakterium der Wahl ist, nicht nur um dem Gentechniker-Nachwuchs die Grundlagen des Faches beizubringen, sondern auch für fortgeschrittene Experimente wie das LTEE. Auf billigem Standardmedium wächst E. coli wie blöd, und zwar sowohl in der Lösung als auch auf festem Glibber in der Petrischale. Da braucht man sich als angehender Bioterrorist überhaupt keine Gedanken drüber machen, zur Not tut es auch etwas Selbstgekochtes aus der WG-Küche.
EHEC ist also häufig, robust und leicht zu halten, trotzdem verursacht er schwere Erkrankungen. Die aus Funk und Fernsehen bekannte Komplikation HUS verursacht laut Literatur eine Sterblichkeit um etwa 3-5 Prozent.

Der mögliche Einwand, dass sich nur ein vergleichsweise kleiner Anteil der EHEC-Fälle zu HUS entwickelt, basiert auf einem weit verbreiteten Missverständnis über Biowaffen. Die Leute gucken einfach zu viel Fernsehen. Spätestens seit „Outbreak“ erwarten wir von einer Biowaffe, dass ganze Großstädte binnen Tagen tot umkippen, aber das leisten erstens kaum irgendwelche Erreger, und zweitens ist das auch gar nicht wirklich notwendig. Es kommt halt drauf an, was man erreichen will. Ein paar Tage blutiger Durchfall mit Magenkrämpfen kann durchaus die öffentliche Ordnung stören, wenn genug Leute es bekommen. Außerdem wird man dann nicht von der halben Welt gejagt wie bei eher publikumswirksamen Pathogenen.

Man darf dabei auch nicht vernachlässigen, dass EHEC nicht gleich EHEC ist. Escherichia coli besitzt eine ausgesprochen breite Palette an Virulenzfaktoren und Kombinationen davon, die große Auswirkungen auf den Krankheitsverlauf haben. Zum Beispiel entwickeln beim gängigen Serovar O157:H7 etwa 10 – 15 Prozent der Infizierten HUS, bei den anderen ist der Anteil kleiner, dafür verursacht der derzeitige Keim O104:H4 bei überdurchschnittlich vielen Erwachsenen schwere Komplikationen. Mit etwas Aufwand kann man sich prinzipiell im Baukastensytem einen Stamm mnit den gewünschten Eigenschaften zusammenbasteln – die nötigen Techniken sind, siehe oben, einfach und werden an jeder Uni gelehrt.

Das große Problem nahezu aller Chemie- und Biowaffen, nämlich die effektive Verbreitung des Keims, stellt sich bei EHEC überhaupt nicht. Man nimmt einfach eine Sprühflasche. Und nein, man geht damit auch nicht an die Gurken oder Tomaten, das wäre viel zu auffällig. Stattdessen versprüht man das Zeug an Stellen, die viele Leute anfassen – Türklinken, Tastaturen, Lichtschalter… meine Lieblingsvariante sind die Ampelknöpfe rund um Lebensmittelmärkte.

Das kann man wahrscheinlich eine ganze Weile so machen – angesichts der weiten Verbreitung derartiger Keime ist es praktisch unmöglich, eine Quelle wirklich festzunageln, vor allem wenn man sie nicht auf dem Schirm hat. Hat schon jemand die Türklinken im Großmarkt Hamburg geprüft? Zwei große Nachteile hat EHEC natürlich aus Sicht des Möchtegern-Terroristen: Zum einen ist so ein Angriff, trotz aller Schadwirkung, vergleichsweise unspektakulär. Und da ist das Problem – ein Angriff, der als solcher gar nicht erkannt wird, versetzt keinen Feind in Angst und Schrecken. Außerdem habe ich den Verdacht, dass sich die meisten Attentäter schlicht zu gut, sind, ein paar Monate mit der Sprühflasche rumzulaufen, damit möglichst viele Leute Durchfall kriegen.

Der zweite Punkt ist, dass sich die Angegriffenen sehr einfach wehren können, indem sie sich regelmäßig die Hände waschen und Lebensmittel nach den Grundregeln der Hygiene verarbeiten, und spätestens nach ein paar Wochen Epidemie werden das auch die meisten Leute im gefährdeten Bereich tun. Bis dahin allerdings kann so eine Durchfallepidemie ganz schön viel Ärger verursachen.

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