Geschrieben am 9. Juli 2011 von Michael abgelegt in der Kategorie Israel,
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Gaza-Flottille II und „Flugtille“ im Kontext – Das Palästina, das nicht sein soll

Die Gaza-Flottille II ist also fast so gut wie untergegangen. Das US-Boot und eins der beiden französischen Boote wurden von griechischen Behörden festgehalten, auch das kanadische Boot wird am auslaufen gehindert. Die Juliano war bis Freitag Mittag noch unterwegs, wurde dann aber auch von griechischen Behörden vor Chania auf Kreta festgehalten, wo sie im Moment immer noch ist. Einen live stream direkt von der Juliano und Angaben zum derzeitigen Aufenthalt gibt es hier:

Mittlerweile folgten mehrere hundert Aktivisten dem Aufruf einer zivilgesellschaftlichen Vereinigung „Palästina“ zu besuchen, um aufzuzeigen, daß die israelische Regierung nicht nur den Zugang zum Gazastreifen kontrolliert, sonder auch zum Westjordanland – die beiden Territorien also, so wird uns immer noch erzählt, die mal zu einem Staat Palästina werden sollen. Also versuchten Aktivisten aus verschiedenen Ländern Europas sowie aus den USA per Ben Gurion Airport einzureisen, um nach Palästina, speziell ins Westjordanland, weiter zu reisen. Wie es kaum anders zu erwarten war, kam es dabei zu Festnahmen und Deportationen, obgleich auch andere es geschafft haben sollen und sich jetzt auf dem Weg nach Bethlehem befinden.

Update: Reuters berichtete, daß verschiedene europäische Fluglinien auf Anweisung der israelischen Behörden Passagiere daran gehindert haben sollen, nach Tel Aviv zu fliegen.

Bei der Aktion wurden auch israelische Aktivisten, die sich mit den Ankommenden solidarisch zeigen wollten, verhaftet, während sie mit unschönen Beschimpfungen beworfen wurden (u.a. ist „Scharmouta“ deutlich zu hören, ein auch im Hebräischen benutztes arabisches Schimpfwort mit hohem Erniedrigungsgrad), wie RT berichtet:

Joseph Dana, nachdem er seine Mission, das US-Flottille-Boot zu begleiten, abgebrochen hatte, war dito seit den frühen Morgenstunden vor Ort und hat per twitter (@ibnezra) und bei +972 unermüdlich berichtet. U.a. schreibt er über die Verhaftung von anwesenden Journalisten, die sich als solche auch ausweisen konnten. Die Betroffen, so Dana weiter, vermuteten, sie wären aufgrund ihrer politischen Einstellung abgeführt worden.

Ähnlich wie bei der Flottille liefen auch einige Tage vorher die Vorbereitungen von seitens der Behörden auf Hochtouren und die immer wieder durchgekauten Argumente, die Aktivisten seien Unterstützer der Hamas, verkommen immer mehr zur Lächerlichkeit. Terroristen kämen in den USA und der EU nur ganz schlecht als gewöhnliche Passagiere an Bord eines Flugzeuges, schon gar nicht in so großer Anzahl.

Hier aber wird die Stimmung insgesamt sehr deutlich. Denn üblicherweise, so will es das Strafrecht meist, sind es Taten, die zur Festnahme führen, oder konkrete Hinweise auf eine bevorstehende Tat.

Nun hat aber keiner versucht, unmittelbaren Schaden, z.B. direkt am Flughafen, zu verursachen. Auch konnte man keinem der Aktivsten nachweisen, sie hätten vorgehabt, sich nach der Landung einer bewaffneten Gruppe anschließen zu wollen. Was also ist der Tatbestand hier? Das schiere Ausrufen der Worte „free, free Palestine“ reichte der israelischen Polizei für mehrere Festnahmen. Es sind also Worte, Gedanken und politische Einstellungen, die hier zur Verhaftung führten.

Klar, da kann man das jetzt alles jeweils getrennt betrachten und jeden Einzelfall gesondert irgendwie rechtfertigen. Man kann argumentieren, daß sich auch andere Staaten das Recht vorbehalten, Einreisende auszuweisen, wenn sie eine Gefahr für die Öffentlichen darstellen. Man kann argumentieren, daß auch anderswo die Flughafenpolizei für Ordnung sorgen würde, wenn Rabauken Krawall machen. Man kann argumentieren, daß auch anderswo die Behörden regeln, welche Boote wo ankommen können, und so weiter und so weiter und so fort. Bei derlei kleinlicher Betrachtung riskiert man aber, den Wald vor Bäumen nicht mehr zu sehen.

Sowohl die Flottille als auch die Aktion am Flughafen TLV zeigen, daß alles hübsch beim alten bleiben soll. Das Recht der Palästinenser auf Selbstbestimmung, und dazu zählt nun mal, daß man selbst darüber entscheidet, wer wie zu Besuch kommen kann, bleibt uneingelöst. Genau so wie die vielen individuellen Rechte, wie zum Beispiel Verwandte im Gazastreifen besuchen zu können, wenn man im Westjordanland lebt, auch weiterhin verletzt werden. Der Status quo soll sich nicht ändern.

Wenn es hier nicht ein paar Mutige gäbe, die Zeit und Geld dafür aufbringen und Aktionen wie Flottille und „Flugtille“ betreiben würden, dann hätten die Leute in Europa und den USA wahrscheinlich schon lange vergessen, daß es überhaupt noch so etwas wie Palästinenser gibt.

Genau das aber scheint das Ziel hier zu sein. Die Flottille wurde quasi versenkt, bevor die Boote die Häfen verlassen konnten. So hatten die Mainstream-Medien dieses mal kaum darüber berichtet, es kam zu keinem Medienwürdigen Ereignis. Je weniger über die Situation der Palästinenser in Europa bekannt ist, um so besser. Dann fragen sich auch bedeutend weniger Leute, was an den Forderungen der Linken so dran sein könnte, und sie finden es dann einfacher, sich den wenig sachlichen Antisemitismus-Vorwürfen hinzugeben (siehe zu dem Thema u.a. hier). Die Palästinenser sind zu dem Zeitpunkt schon so weit aus dem Blickfeld gerückt, daß deren Belange keine nennenswerte Rolle mehr spielen.

In anderen Worten, es wird verdrängt, daß es da noch andere gibt, die ja u.U. auch Rechte haben könnten, denn dann kann man endlich ungestört seinen Dingen nachgehen. Genau das kommt bei dem letzten Anti-Flottille-Clip bestens zum Ausdruck, wenn auch wohl eher unbeabsichtigt. Die attraktive junge Dame, mit der Israel gemeint ist, sitzt beim Psychologen auf dem Sofa und muß sich unbequeme Fragen gefallen lassen. Sie wird ungemütlich. Was nörgeln die anderen auch nur ständig herum an ihr? Sie will doch nur in Ruhe gelassen werden, etwas Spaß haben, so wie jede andere normale Person, sonst nichts! Dann springt sie auf und geht, sie will sich nicht behandeln lassen, sie will die Realität nicht akzeptieren, um mit ihr rational umzugehen, sondern sie will lieber Spaß haben. Somit löst sie die Probleme nicht, sie verdrängt sie nur, ganz genau so wie man die Belange der Palästinenser, ja deren Existenz schlechthin, aus dem Bewußtsein zu verdrängen ersucht.

Diese Haltung ist nicht anderes als ein Wunschdenken, denn die Palästinenser sind immer noch da, sie haben immer noch berechtigte Ansprüche, sie sind einfach nur Menschen, die auch Rechte haben. Dieses Wunschdenken allerdings basiert auf Vorstellungen und Konzepten, die über 120 Jahre alt sind. Denn auch damals war schon klar, daß die „anderen“, die es da auch noch gab im Land, ein Problem darstellen würden, das man angehen mußte. So schrieb Herzl in einem seiner Tagebücher am 12. Juni 1895 folgendes:

Die arme Bevölkerung trachten wir unbemerkt über die Grenze zu schaffen, indem wir in den Durchzugsländern Arbeit verschaffen aber in unserem eigenen Lande jederlei Arbeit verweigern“.1

Da der Plan dann doch nicht ganz aufging, und die „arme Bevölkerung“ immer noch da ist, versucht man es jetzt eben mit dem Verdrängen aus dem Bewußtsein.

Allerdings wird es immer wieder welche geben, die sich das nicht gefallen lassen und die „arme Bevölkerung“ scheint auch heute noch nicht zum weiter ziehen bereit zu sein, trotz weißen Phosphors, hohen Mauern, elektrischen Zäunen, Checkpoints, Siedlungsbau und was nicht alles. Solidarität ist, wenn man sich dem Verdrängen entgegen stellt, und die Solidaritätsbereitschaft ist in den letzten Jahren eher gestiegen. Man kann also davon ausgehen, daß es auch weitere Aktionen geben wird, wie die Flottille oder die „Flugtille“.

 

2 Comments

  1. spital8katz

    9. Juli 2011 @ 15:52

    „Aktivist“…

    Diesen von Linken erfundenen Ausdruck kann man zunehmend auch als „Terrorist“ oder „Terroristen-Helfer“ verstehen.

  2. hasbara

    11. Juli 2011 @ 08:26

    Durch den fortwährende, inflationären Missbrauchs des Wortes „Terrorist“, habt ihr dem Wort seine Bedeutung geraubt. Um die Propalästina-Aktivisten – unter denen sich auch einige Holocaust-Überlebende befinden – als Terroristen zu verunglimpfen, muss man entweder Zionist oder ein glühender Verfechter der israelischen Verbrechen sein.

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