Hat Deutschland Israels Atomwaffen finanziert?

Die Existenz eines israelischen Nuklearwaffenpotenzials ist schon lange kein Geheimnis mehr. Daran ändert auch nichts, dass Israel sich weiterhin international auf eine Rhetorik „absichtsvoller Zweideutigkeit“ zurückzieht und im Inneren jegliche Erwähnung eines eigenen Kernwaffenprogramms unter Strafe stellt. Im Laufe der letzten Jahrzehnte sind alle Geheimnisse des israelischen Nuklearprogramms öffentlich geworden. Alle – bis auf eines: wer das Programm finanziert hat. Doch auch dieses letzte nukleare Geheimnis Israels kann nun gelüftet werden. Das Land, das die nukleare Bewaffnung Israels maßgeblich finanzierte, war mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit die Bundesrepublik Deutschland. Dass der ehemalige Präsident Israels, Schimon Peres, dies jüngst erneut bestritten hat, ist ohne Bedeutung. Noch immer gilt für die deutsch-israelische Zusammenarbeit im Bereich nuklearer Waffen das Gebot strengster Geheimhaltung. Im Übrigen unterliegt auch jeder israelische Spitzenpolitiker im Umgang mit nuklearen Informationen noch immer der Militärzensur.

Israels nukleare Geschichte begann 1952 mit der Gründung der israelischen Atomenergiekommission. Im Juli 1955 unterschrieb der jüdische Staat einen von den USA angebotenen Vertrag, im Rahmen des Programms „Atome für den Frieden“ einen kleinen Forschungsreaktor zur friedlichen Nutzung zu erwerben. Doch schon zu dieser Zeit hatten Premierminister David Ben-Gurion und der damalige Generaldirektor im Verteidigungsministerium, Schimon Peres, Hintergedanken. Im November 1956 fragte Peres den französischen Verteidigungsminister Maurice Bourgès-Maunoury: „Was halten Sie davon, wenn sich Israel ein eigenes Vergeltungspotenzial schaffen würde?“ Ein Jahr später unterzeichnete Peres mit Vertretern der sozialistischen Regierung Mollet drei geheime Verträge. Frankreich lieferte einen 24-Megawatt-Schwerwasserreaktor, lieh Israel 385 Tonnen Natururan, würde mit Israel bei der Forschung und der Herstellung von Nuklearwaffen zusammenarbeiten und das Land beim Bau einer Wiederaufarbeitungsanlage zur Plutoniumgewinnung unterstützen.

Nuklearprogramm lief unter strengster Geheimhaltung ab

Der Bau des Reaktors begann Ende 1957 nahe dem Ort Dimona in der Negev-Wüste. 1964 war er fertig, ein Jahr später stand die Wiederaufarbeitungsanlage. Ende 1966 hatten die israelischen Ingenieure den nuklearen Bombenbau im Griff. Zu Beginn des Sechstagekriegs 1967 besaß Israel zwei zündfähige Gefechtsköpfe, beim Ausbruch des Jom-Kippur-Krieges 1973 waren es zehn bis 20.

Natürlich lief all dies unter strengster Geheimhaltung ab. Doch 1960 wurde die Anlage in Dimona durch die strategische Aufklärung der USA enttarnt. Überdies forderte der französische Präsident Charles de Gaulle, dass Israel unmissverständlich den rein zivilen Charakter der Anlage öffentlich erklären müsse. Ende 1960 gab Ben-Gurion daher eine entsprechende Erklärung ab: der Reaktor diene ausschließlich der nicht militärischen Nutzung der Nuklearenergie. Im Übrigen baue man im Umfeld des Reaktors ein wissenschaftliches Zentrum zur Erforschung von Trockenzonen. Mit dieser offensichtlichen Lüge hatte die israelische Regierung den öffentlichen Druck zur Begründung der Bauarbeiten in Dimona zunächst aufgefangen. Doch auch die scheinbare Präzisierung, bei der Anlage von Dimona handele es sich um eine „Textilfabrik“, änderte nichts an den internationalen Mutmaßungen über ihre wahre Zweckbestimmung.

Trotz weitverbreiteten Misstrauens: Belastbare Beweise für eine militärische Nutzung von Dimona gab es nicht. Dafür sorgte insbesondere ein von Peres 1957 gegründeter, nur für den Schutz des militärischen Nuklearprogramms zuständiger Geheimdienst – Lakam (ein hebräisches Akronym). Nicht einmal der auch im Inland allgegenwärtige Auslandsgeheimdienst Mossad wurde über den Aufbau des Lakam informiert. Isser Harel, der damalige Chef des Mossad, beklagte später: „Lakam wurde hinter meinem Rücken und ohne mein Wissen aufgebaut.“ Doch Lakam war erfolgreich – bis 1986.

Im Oktober jenes Jahres veröffentlichte die „Sunday Times“ Aussagen von Mordechai Vanunu, einem israelischen Techniker, der von 1976 bis 1985 in Dimona gearbeitet hatte. Ihm zufolge produzierte Israel im Jahr 40 Kilo Plutonium, ausreichend für acht bis zehn Bomben. Die Aussagen Vanunus waren glaubwürdig, nicht zuletzt, weil er das Innenleben der Anlage von Dimona bis hin zum Modell einer Wasserstoffbombe durch eine Vielzahl von Fotografien dokumentiert hatte. Nun wurde klar, dass „Dimona“ nicht nur die Bezeichnung für einen Schwerwasserreaktor war, sondern neun weitere Gebäude umfasste, von denen zumindest eines sechs Stockwerke in die Tiefe gebaut worden war, wobei sich in diesem das Kernstück der Anlage, die Wiederaufarbeitungsanlage zu Produktion von Plutonium, befand. Dimona war eine vollständige Nuklearwaffenfabrik. Legt man die Darstellung Vanunus über die Produktionskapazität der Anlage von Dimona zugrunde, dann verfügt Israel heute über mindestens 200 strategische Nuklearwaffen der Hiroshima/Nagasaki-Kategorie (15 Kilotonnen) sowie über nukleare Artilleriegranaten.

Wie wurde das Nuklearprogramm finanziert?

Eine Frage zum israelischen Nuklearprogramm wurde jedoch auch nach Vanunus Enthüllungen nicht gestellt. Wie konnte ein damals bettelarmes Land wie Israel eine Anlage wie Dimona, in der bis zu 2700 Personen arbeiteten, finanzieren? Die Frage wurde nicht gestellt, weil sie längst als beantwortet galt. Die Regierung Ben-Gurion hatte bereits Anfang der 60er-Jahre, als es offiziell nur um die zivile Nutzung der Nuklearenergie im Reaktor von Dimona gegangen war, den Kritikern zugesagt, dass die Finanzierung des Projekts nicht durch Haushaltsmittel, sondern über internationale Geldgeber erfolgen würde. Die Verantwortung hierfür lag bei Peres: „Wir starteten eine vertrauliche Spendenaktion, die eine Summe von mehr als 40 Millionen Dollar erbrachte, was die Hälfte der Kosten für den Reaktor und eine damals recht beträchtliche Summe bedeutet.“

Diese Aussage von Peres ist nicht nur der einzige verfügbare quantitative Hinweis auf internationale Geldgeber, sie wirft auch die Frage auf, wer die andere Hälfte des Reaktors bezahlt hat. Und wer bezahlte den gesamten Dimona-Komplex, der ja weit mehr enthielt als einen Reaktor und folglich um ein Vielfaches teurer gewesen sein muss?

Es gibt bis heute nur einen einzigen Hinweis auf eine konkrete Fremdfinanzierung des israelischen Nuklearwaffenprogramms über die von Peres gesammelten 40 Millionen Dollar hinaus. Als die Frage der deutsch-israelischen Beziehungen wieder einmal hohe Wellen schlug, deutete Ben-Gurion anlässlich eines Hintergrundgesprächs mit Herausgebern israelischer Tageszeitungen am 31. März 1963 an, dass eine Konfrontation mit der Regierung Adenauer die Entwicklung einer Abschreckungswaffe stören könne und dass deren Bedeutung für die Sicherheit Israels und die Vermeidung kommender Kriege gar nicht hoch genug einzuschätzen sei.

Dieser Hinweis war nicht nur unmissverständlich, er entsprach auch der damals Ben-Gurion wohlvertrauten Realität: Die Bundesrepublik finanzierte seit 1961 das israelische Nuklearwaffenprogramm, getarnt als Beitrag „zur Entwicklung des Negev“, einem Steckenpferd Ben-Gurions seit den Tagen der Staatsgründung.

Wie aber konnte es dazu kommen?

Am 14. März 1960 trafen sich Adenauer und Ben-Gurion im New Yorker Hotel „Waldorf Astoria“. Dabei einigten sich die beiden Regierungschefs, dass die Bundesrepublik Israel mit einem über zehn Jahre laufenden Kredit von insgesamt 500 Millionen Dollar – damals zwei Milliarden D-Mark – bei der „Erschließung des Negev“ behilflich sein solle. Umgesetzt wurde die Absprache, die kein Abkommen im technischen Sinn war und daher weder der Einschaltung des Bundestags noch des Kabinetts bedurfte, durch die streng geheime „Aktion Geschäftsfreund“ – so ihr Deckname in den Akten des Auswärtigen Amtes. Wie Niels Hansen, jüngst verstorbener ehemaliger Ministerialdirektor im Auswärtigen Amt und langjähriger deutscher Botschafter in Israel, in seinem faktenreichen Buch „Aus dem Schatten der Katastrophe“ schrieb, wurden im Dezember 1961 zwischen dem israelischen Geschäftsträger in Deutschland, Felix Elieser Shinnar, und Rolf Lahr, einem Staatssekretär im Auswärtigen Amt, die Absprachen konkretisiert. Die zinsverbilligten Darlehen sollten aus dem Haushaltstitel „Förderung von Entwicklungsländern durch Gewährung bilateraler Kapitalhilfe“ bedient werden. Die Abwicklung sollte über die bundeseigene Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) erfolgen. Als Verwendungszweck wurden zunächst pauschal „Industrie- bzw. Infrastrukturmaßnahmen“ genannt. Die Nettoverzinsung sollte durchschnittlich 3,6 Prozent betragen.

Diese formalen Bedingungen entsprachen den üblichen Abmachungen über Kapitalhilfe für Entwicklungsländer; doch die tatsächliche Umsetzung der „Aktion Geschäftsfreund“ erfolgte nach anderen „Regeln“. So hat nach den Worten eines deutschen Verantwortlichen die KfW „anders als in allen anderen Fällen, in denen sie auf dem Gebiet der Entwicklungsfinanzierung tätig wird, die Verwendung der Israel zur Verfügung gestellten Mittel niemals geprüft, … es haben niemals Besprechungen mit ihrer Partnerin Industrial Development Bank of Israel stattgefunden“. Zwar gibt Shinnar an, man habe der KfW über die Verwendung der Gelder „in regelmäßigen Zeitabständen (…) Bericht zu erstatten“ gehabt, doch war das offenbar eine bloße Formalität. Dementsprechend lauteten die Angaben über die Zweckbestimmung der Kredite auch nur lapidar „Entwicklung des Negev“, „Textilfabrik“ oder „atomar betriebene Meerwasserentsalzungsanlage im Negev“. All diese konkret benannten Projekte, für deren Geheimhaltung es eigentlich keinen Grund hätte geben dürfen, wurden jedoch nie realisiert. Das Geld floss dennoch.

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