Impressionen der spanischen Revolution

Menschen des Sender Freies Neukölln haben vom 21. bis 27.05.2011 mehrere Protestcamps in Barcelona, Valencia, Madrid, Zaragossa, Logrono, Pamplona, San Sebastian besucht und die #spanishrevolution gelebt.

Gänsehautfeeling garantiert!

 

“Als Binsenweisheit bezeichnet man eine allgemein bekannte Information, die gerade deshalb als Argument nicht sonderlich taugt, eben weil es jeder weiß und kennt, schon tausendmal gehört hat, es schon längst nicht mehr hören kann. Aus dieser unglaublichen Absurdität leitete sich in den letzten Jahrzehnten im gesamtgesellschaftlichen Diskurs eine unfassbare Reihe von Totschlagargumenten ab, die allesamt auf die dämliche Position hinausliefen, dass zwar alle wissen, dass die Zustände auf Erden ganz schön beschissen sind, man aber eben nichts ändern könne, und überhaupt gehe es uns ja noch ganz gut, verglichen mit anderen, und deshalb ist die Wahrheit zu sagen nichts als unproduktives Genöle, und überhaupt, sag doch erst mal wie es anders besser wäre.

Weil für Binsenweisheiten sind wir eben alle scheinbar zu klug, zu originell, zu komplex, zu individuell, da versteigen wir uns doch lieber in kryptische und rätselhafte Gesprächsfetzen, um uns interessant zu machen. Wer bis vor kurzem sagte, dass er Wachstum überflüssig, Umweltverschmutzung doof oder Hartz 4 ungerecht findet, wurde aufgrund der Schlichtheit der allgemein bekannten Tatsachen nicht weiter ernst genommen. Deshalb streiten sich in Talkrunden und Hinterzimmern hochqualifiziert spezialisierte Trotzkistinnen, Feministen, Antifaschisten, Anarchosyndikalistinnen oder Stadtsoziologinnen mit Theologen und Atomlobbyistinnen oder Gerwerkschaftsfunktionären. Die wahrhaft wertvolle Erkenntnis braucht eben Experten, Spezialistinnen, da kann doch eh keiner mitreden.

Und so verläuft sich der Diskurs eben in verschiedenste Nischen: Genderthemen, Gentrification, Gefahr von rechts und von Bahnhöfen, Energiedebatte usw. Und keiner bemerkt jemals, dass sich da eigentlich immer um letztlich ein und dasselbe Thema gestritten wird, bzw. dass der Fehler sowohl hinter der unmäßigen Verteuerung von Wohnraum und Cappuccino in Großstädten, oder der Zerstörung des Planeten durch bspw. Industrie, Individualverkehr und Müllscheiße, oder aber der Ausgrenzung von Cis- Trans- und anderen Gendern immer derselben gesellschaftlichen Krankheit entspringt. Unserer Unfähigkeit über anderes als über Waren zu kommunizieren, unserem unerschütterlichen Glauben an das ewige Wirtschaftswachstum, unserem Verharren in den immer gleichen, steinalten und überkommenen gesellschaftlichen Ritualen der Unterwerfung, des Machterhalts, und vor allem der Konkurrenz.

Doch nun schreiben wir das Jahr 2011. Nun ist alles plötzlich ganz anders. Plötzlich, weil bspw. keiner finden kann, dass er zig Billionen Schulden gemacht hat, die er und seine Kinder nun tilgen sollen, nun stehen seit dem 15. Mai nach dem Vorbild der nordafrikanischen Staaten Millionen Frauen und Männer in Spanien auf spanischen Plätzen in spanischen Städten und Dörfern, und trauen sich Binsenweisheiten in die Welt zu posaunen, auf Post-its zu schreiben oder anderweitig zu sammeln. Sie besetzen Plätze und beschlossen so lange zu bleiben, bis man ihnen zuhört. Die Forderungen klingen häufig leicht kitschig wie aus einem Hippiepoesiealbum, aber eben lange nicht so dämlich, wie diese beknackten Waffen gegen Krieg, Wachstum gegen Armut und für Umweltschutz, die Reichen müssen reicher werden, damit es allen besser geht – Schwachsinns Thesen.

Demokratie von unten ist keine Hippieromantik, sondern Demokratie. Endlich wird klar, dass naiv und dumm ist, wer tatsächlich immer noch glaubt, dass es besser so weitergehen kann, oder das System von innen verbessern will oder so ein Quatsch. Das ist wie ein riesiges Konzert, das da gerade angefangen wird zu proben. Auf den spanischen Plätzen durften wir Glücklichen das miterleben. Jede einzelne Stimme bemerkt da in den Assambleas, den Versammlungen, die da tagtäglich ohne professionelle Moderatoren, Politiker, Funktionäre oder Experten stattfinden, dass sie eine Stimme ist. Die Menschen lernen da erstmals wie sich aus all den einzelnen Stimmen ein Gesamtklang formen lässt, wie er sich herausbildet, wenn keine Lobbyisten dazwischenquäken, keine Politiker in den Wahlkreisbüros sich nur für den örtlichen Arbeitsplatzgeber stark machen, keine Medien die eigentlich noch mächtigere Macht sein wollen … Menschen unterhalten sich über lebenswerte Zustände, sie merken, dass allein das schon lebenswert ist, wenn man sich nicht nur dann trifft, wenn man gerade an der Ampel oder an der Supermarktkasse der erste sein will.

Und genau das ist vielleicht das Wesentlichste, was wir von dieser Reise mitnehmen. Demokratie braucht mündige Bürger und eine lebendige Gemeinschaft. Und wenn wir mal ein ganz kleines bisschen ehrlich zu uns sind, dann müssen wir allesamt feststellen, dass wir schon lange überhaupt weder wissen wie das geht, noch wie sich das anfühlt. Gemeinschaft ist für uns schon dann gegeben, wenn wir uns nicht täglich aufs Maul hauen. sondern ein halbwegs friedliches Nebeneinander pflegen können. Gemeinschaft ist für uns, wenn alle sich an die selben Regeln halten, wenn keiner mehr Sex hat als man selbst, genauso viel arbeiten muss wie jeder andere auch, und es den anderen möglichst genauso beschissen geht wie einem selbst. Das ist grob skizziert der öffentliche Frieden, bislang.

Seit dem 15. Mai 2011 wissen nun immerhin schon mal ganz schön viele Spanier, dass es da noch mehr zu holen gibt, dass da Spaß rein kann ins Zusammenleben, dass den größeren 3D Flatscreen zu besitzen nicht das Ende der Glückseligkeitsfahnenstange bedeuten muss. Und diese Ahnung von einer möglichen Erkenntnis verbreitet sich derzeit wie ein Lauffeuer über ganz Europa, ja, über die ganze Welt. Das ist das, was eine Revolution schon irgendwie ist, und vor allem eine werden kann: Millionen von Menschen, die Glück erfahren durch das Revolutionär-Werden. Die die Missstände benennen dürfen, und sich auf einen Weg machen, dessen Ziel sie aus Demut, und nicht aus Blödheit noch nicht kennen wollen, die aber wissen, dass es eh nicht schlimmer kommen, sondern nur besser werden kann. Und lichter, und toller und irgendwie anders.

Es gibt so viele Ansätze, die alle aus warmem Herzen und mit wachem Verstand geboren wurden. Das Bedingslose Grundeinkommen bspw., Creative Commons Lizenzen, Ideen für zinslose Währungen und faire Wirtschaftssysteme, allerhand Kooperationsmodelle mit all dem sind viele von uns befasst und erfüllt, das wird sich alles finden, da werden wir ganz schnell Alternativen entwickeln, wenn wir nur endlich ohne Vorbedingungen, ohne Systeme, ohne Schwanzvergleiche uns anfangen zu unterhalten, anfangen zusammen Spaß zu entwickeln daran sich gemeinsam zu organisieren. In Spanien haben wir die Reinheit dieses Gedankens erlebt, und die Kraft die davon ausgehen kann. Lasst es uns einfach auch tun.”

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