Geschrieben am 15. September 2011 von Redaktion abgelegt in der Kategorie Ägypten, Israel, Türkei,
Kommentare (3)

Interview mit Yves Kugelmann, Chefredaktor der jüdischen Zeitschrift «Tachles»

Yves Kugelmann, Chefredaktor der jüdischen Zeitschrift «Tachles» im Interview und spricht im Gespräch über die neue Ausrichtung der Türkei im Nahen Osten. Dabei kommt er zum Schluss, dass Ankara an die Zeiten des osmanischen Reiches anknüpft.

Herr Kugelmann, was ist von den Drohgebärden des türkischen Ministerpräsidenten Recep Tayyip Erdogan gegenüber Israel zu halten?

Zwei Ebenen gilt es einzuordnen: Da ist die populistische Komponente, auf die sich möglicherweise die Ereignisse reduzieren. Oder die Äusserungen von Ministerpräsident Erdogan stehen tatsächlich im Zusammenhang mit einem Strategiewechsel in den Beziehungen zwischen der Türkei und Israel. Letzteres wäre aus israelischer Sicht verheerend. Die Beziehungen der beiden Länder waren pragmatisch-exemplarisch in ihrer Art. Sollte es nun zu einer strategischen Neuausrichtung kommen, würde dies einiges verändern.

Was lässt sie annehmen, dass Ankara einen politischen Wechsel gegenüber Israel vornimmt?

Die Diskussion um die Begleitung einer türkischen Gaza-Hilfsflotte durch türkische Kriegsschiffe stellt bloss ein Ereignis von mehreren dar. Der Wechsel des politischen Klimas hat bereits vor zwei Jahren begonnen. Ich bin mir allerdings nicht sicher, ob man die türkische Rhetorik an diesem Beispiel festmachen kann.

«Es gelten andere Parameter»

Die Veränderungen im arabischen Raum und vielmehr noch die Frage des Einflusses des politischen Islamismus spielen dabei eine übergeordnete Rolle ebenso wie die Tatsache, dass die Türkei sich vorderhand von einer EU-Mitgliedschaft verabschieden muss. Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, was eine islamistische Regierung im Kontext mit Laizismus in der Türkei und in der Region generell bedeutet. Dies für die Bevölkerung Westeuropas verständlich zu machen, ist alles andere als einfach. Da gellten völlig andere Parameter, die in mancherlei Hinsicht anders sind als bei uns. Will man Erdogan innenpolitisch verstehen, verändert sich die Ausgangslage fundamental. Man muss den Konflikt wohl diesen Kriterien und den geopolitischen Veränderungen unterordnen.

Handelt es sich wirklich nur um Populismus , dann stellen die jüngsten Töne aus Ankara keine grosse Veränderung dar. Solche Äusserungen wurden in der Vergangenheit immer wieder gemacht. Doch es gibt Signale, dass sich die Türkei in der Region als wirtschaftlich erfolgreiche Hegemonialmacht profilieren will. Dabei will Ankara den bisherigen Schwergewichten in der Region die Stirn bieten. Das sind Iran und Saudi Arabien. Die Türkei hat sich in den letzten zehn Jahren gewandelt und knüpft an osmanische Zeiten an.

Wird die türkische Kampfrhetorik nicht doch ein wenig überbewertet?

Selbstverständlich wird provoziert, überhört, konfrontiert. Das ist in solchen Fällen üblich. Die Aussagen sind kalkuliert, was bei der Gegenseite eine entsprechende oder keine Reaktion hervorruft. Im orientalischen Raum kommt dies oft noch etwas ausgeprägter vor als anderswo. Es ist hingegen schwierig davon abzuleiten, ob sich hinter der Kulisse tatsächlich eine neue Matrix verbirgt, ob es um Rhetorik oder Symptome eines profunden Wandels geht.

Israel ist wirtschaftlich in gewisser Weise von der Türkei abhängig. Stichwort Wasserversorgung.

Das ist eine Tatsache. Daran hat sich nach dem jüngsten diplomatischen Gezänk auch nichts geändert. Die Frage ist, wie sich diese Beziehungen in Zukunft gestalten werden. Bis vor kurzem haben wöchentlich Tankschiffe Wasser zwischen der Türkei und Israel verschifft. Beide Staaten pflegen ausserdem enge Beziehungen im Bereich der Wirtschaft oder des Tourismus. Sistiert worden sind bisher nur die wichtigen militärischen Beziehungen.

Es fällt auf, dass Israel sich seit den Umwälzungen im Arabischen Raum mit Äusserungen stets zurückgehalten hat. Wähnen sich die Israeli in einer falschen Sicherheit?

Das würde ich so nicht sagen. Die Menschen in Israel sind sehr unsicher, was die Veränderungen ausserhalb ihres Landes betreffen.

«Man nimmt die Situation ernst»

Das Befinden der Bevölkerung schwankt denn auch zwischen Hoffnung und Sorge. Die Bevölkerung weiss, dass die Entwicklungen in Kairo, in Damaskus und in Tunis in ihrer Art unterschiedlich und noch nicht definitiv einzuordnen sind. Nach den jüngsten Ereignissen entlang der Grenze zu Ägypten ist die Sorge allerdings grösser geworden. Man nimmt die Situation ernst und beobachtet die Entwicklung genau.

Anders gefragt: Sind die Umwälzungen in der arabischen Welt für Israel eine Gefahr?

Vorderhand nicht, im Gegenteil. Sie können die Chance für Israel sein, nachhaltige Stabilität in die Region zu bringen, wenn die Revolutionen in demokratische Staaten münden. Israel war allerdings bisher nie so naiv, sich ausschliesslich auf bestehende Abkommen zu verlassen.

«Entscheident ist, wie sich Israel positioniert»

Die Sicherheitsanstrengungen sind seit je sehr hoch. Für Israel sind nicht die Wünsche der Zukunft oder westlicher Beobachter massgebend, sondern die Einschätzung der Sicherheits- und geopolitische Lage. Entscheidend ist, wie sich Israel positioniert, sollten die USA dereinst in der Region an politischer Relevanz verlieren. Welche Allianzen muss Israel künftig eingehen, und wie eng sind die Achsen zwischen Tel Aviv und Washington in Bezug auf Riad? Das sind die entscheidenden Fragen. Die Frage der Sicherheit betrifft in erster Linie die Abwehr von Langstreckenraketen und die Grenzen; diese sind gut gesichert.

Wie wird sich das Verhältnis zwischen Tel Aviv und Kairo nach den Wahlen in Ägypten entwickeln?

Vorab die Frage: Mit wem hat Israel letztlich im Bewusstsein der Menschen ein Friedensabkommen geschlossen? Wer ist nach dem Umsturz in Ägypten noch der Staat? Diese Frage ist völkerrechtlich komplex und kann zum jetzigen Zeitpunkt nicht abschliessend beantwortet werden. Ich habe den Eindruck, dass das Bild, das der Westen von der Muslimbruderschaft vor dem Umsturz in Kairo hatte, ein falsches war. Mit Erstaunen stellt man nun fest, dass die Gruppierung sich in der Frage Israel bisher zurückgehalten hat.

«Man muss abwarten»

Die Ägypter selber haben den Friedensvertrag zwischen Kairo und Tel Aviv stets als Abkommen zweier Politiker interpretiert. Nachdem Mubarak weggeputscht ist, muss man abwarten, wie sich das Militär in dieser Frage verhält. Auch wird spannend sein, wie sich nach den Wahlen in Ägypten die Parteienlandschaft präsentiert. In der Wissenschaft haben wir Erfahrungswerte, im Nahen Osten fehlen dagegen jegliche Orientierungspunkte – und jene, die wir zu kennen glauben, sind stetem Wandel unterworfen.

3 Comments

  1. Idtschtihad

    15. September 2011 @ 08:53

    Erdogan hat gesagt:

    Do not be wary of secularism.I hope there will be a secular state in Egypt´sagte Erdogan am Montag. Dieser Heuchler will gern Kapitalismus-Kemalismus in Egypt einführen. Nehmt euch in Acht vor diesen verlogenen Regenten.

  2. Haso

    15. September 2011 @ 09:24

    Und was willst du? Scharia oder was …..

  3. Halit

    15. September 2011 @ 11:50

    @Haso
    Natürlich….was den sonst??

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