Iran twittert gerne – Iran bezirzt den Westen im Internet

Im Iran ist Twitter blockiert. Präsident Ruhani aber nutzt den Dienst offenbar für eine Charme-Offensive gegenüber westlichen Ländern. Dort zeigt man sich entzückt.

Jack hat eine Frage an Hassan. Er sendet ihm eine öffentliche Nachricht auf Twitter. „Good evening“, schreibt Jack, obwohl es bei ihm an der US-Westküste erst acht Uhr morgens ist, denn sein Gesprächspartner wohnt in einer anderen Zeitzone, im Iran. „Good evening, President.“ Dann will Jack wissen, ob die Bürger des Iran in der Lage sind, die Tweets zu lesen, die vom Account seines Gesprächspartners aus getwittert werden. Er sendet die Nachricht an: @HassanRouhani.

Vermutlich liegt es daran, dass @Jack nicht nur irgendein amerikanischer Junge ist. Das Profil gehört Jack Dorsey, einem der Gründer von Twitter. @HassanRouhani antwortet. „Evening, Jack“, schreibt er. Seine Bürger hätten das Recht auf freien Informationszugang, darauf zielten seine Bemühungen ab. @HassanRouhani verwendet Hashtags, statt des Englischen to schreibt er die Ziffer 2, das spart ein Zeichen in dem auf 140 Anschläge begrenzten Tweet.

Die Konversation vom ersten Oktober ist – vorsichtig gesagt – ungewöhnlich. Schließlich gilt der Iran als eines der verschlossensten Länder weltweit. Die Führung versucht, die Bevölkerung vom Internet abzuschirmen. Soziale Netzwerke sind blockiert, das Regime unter dem obersten geistlichen Führer, Ajatollah Ali Chamenei, zensiert streng, die Strafen sind drakonisch.

Besitzt der im August gewählte iranische Präsident Ruhani, Nachfolger des Holocaust-Leugners Mahmud Ahmadinedschad, wirklich ein Profil beim amerikanischen Twitter-Netzwerk, über das er freundliche Nachrichten an den Westen sendet? Oder ist Jack Dorsey auf der Jagd nach einem billigen PR-Scoop für sein Unternehmen schlicht auf ein gefälschtes Profil hereingefallen? Und sollte der Account echt sein: Was bezweckt Ruhani mit seiner Twitter-Präsenz?

Twitter-DiplomatieIran bezirzt den Westen im Internet

Im Iran ist Twitter blockiert. Präsident Ruhani aber nutzt den Dienst offenbar für eine Charme-Offensive gegenüber westlichen Ländern. Dort zeigt man sich entzückt. von Angela Gruber
18. Oktober 2013 14:51 Uhr 6 Kommentare
Irans Präsident Hassan Ruhani in New York

Irans Präsident Hassan Ruhani in New York | © Emmanuel Dunand/AFP/Getty Images

Jack hat eine Frage an Hassan. Er sendet ihm eine öffentliche Nachricht auf Twitter. „Good evening“, schreibt Jack, obwohl es bei ihm an der US-Westküste erst acht Uhr morgens ist, denn sein Gesprächspartner wohnt in einer anderen Zeitzone, im Iran. „Good evening, President.“ Dann will Jack wissen, ob die Bürger des Iran in der Lage sind, die Tweets zu lesen, die vom Account seines Gesprächspartners aus getwittert werden. Er sendet die Nachricht an: @HassanRouhani.

Vermutlich liegt es daran, dass @Jack nicht nur irgendein amerikanischer Junge ist. Das Profil gehört Jack Dorsey, einem der Gründer von Twitter. @HassanRouhani antwortet. „Evening, Jack“, schreibt er. Seine Bürger hätten das Recht auf freien Informationszugang, darauf zielten seine Bemühungen ab. @HassanRouhani verwendet Hashtags, statt des Englischen to schreibt er die Ziffer 2, das spart ein Zeichen in dem auf 140 Anschläge begrenzten Tweet.
Anzeige
Immobilie finanzieren?
Beste Konditionen von über 300 Banken – bei Interhyp. Kostenlose Anfrage!
Kapital vervielfachen?
Exklusiv: DTC-Sieger Toth (über 390 % +/6 Wo.) vergibt nur jetzt 250 Teilnehmerplätze Hier buchen
Zahnzusatzversicherung
Schützen Sie sich vor bösen Überraschungen bei den Zahnarztkosten. Schon ab 4,61€/Monat. Jetzt informieren!

Die Konversation vom ersten Oktober ist – vorsichtig gesagt – ungewöhnlich. Schließlich gilt der Iran als eines der verschlossensten Länder weltweit. Die Führung versucht, die Bevölkerung vom Internet abzuschirmen. Soziale Netzwerke sind blockiert, das Regime unter dem obersten geistlichen Führer, Ajatollah Ali Chamenei, zensiert streng, die Strafen sind drakonisch.

Besitzt der im August gewählte iranische Präsident Ruhani, Nachfolger des Holocaust-Leugners Mahmud Ahmadinedschad, wirklich ein Profil beim amerikanischen Twitter-Netzwerk, über das er freundliche Nachrichten an den Westen sendet? Oder ist Jack Dorsey auf der Jagd nach einem billigen PR-Scoop für sein Unternehmen schlicht auf ein gefälschtes Profil hereingefallen? Und sollte der Account echt sein: Was bezweckt Ruhani mit seiner Twitter-Präsenz?

Vergleicht man die Negativschlagzeilen über den Iran mit den Twitter-Botschaften auf dem Ruhani-Account, liegt zunächst die Vermutung nahe, dass der Account nicht authentisch ist. Ruhani schreibt da von einer friedlichen Koexistenz der Völker, Exiliraner sollten die Möglichkeit bekommen, in ihre Heimat zurückzukehren. „Kritik unserer Studenten ist genauso wunderbar wie ihre Unterstützung“, lautet ein anderer Tweet. Die Timeline liest sich über weite Teile so, als habe sich ein Twitternutzer unter Ruhanis Namen angemeldet und bastele an seiner Vision eines friedlichen, weltoffenen Iran.
Tweets offenbaren direkten Zugang zu Ruhani

Wie authentisch Ruhanis Twitter-Account ist, kann nicht mit absoluter Sicherheit gesagt werden. Der Account ist nicht von Twitter verifiziert. Mit einer Verifikation bestätigt das Unternehmen normalerweise bei Personen des öffentlichen Lebens, dass ihr Account echt ist. Ruhani hat zudem nie offiziell bestätigt, dass er oder sein Büro den Account pflegen.

Es spricht dennoch einiges dafür, dass das Nutzerprofil echt ist und jemand aus Ruhanis engstem Umfeld twittert. Fotos offenbaren, dass die Verantwortlichen direkten Zugang zu Ruhani haben müssen. Der Journalist Amin Khorami aus Teheran schreibt, dass der Account offenbar von Ruhanis Presseleuten betreut wird. Selbst tippt Ruhani seine Nachrichten nicht, wie es in einem im September veröffentlichten Tweet heißt. Manche Nachrichten erwähnen Ruhani in der dritten Person, was die These bestätigen würde. Das wäre aber nicht ungewöhnlich: Auch westliche Politiker haben Teams, die für sie twittern.
Englischsprachiger Account für das Publikum im Westen

Der Ruhani-Account sei authentisch, sagt auch Walter Posch. Er ist Iran-Experte der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP). „Die Nachrichten kommen aus dem Umfeld Ruhanis“, sagt Posch. „Die Iraner haben in Sachen Public Diplomacy aufgerüstet.“ Dass der Account auf Publikum im Westen abzielt, zeigt sich auch daran, dass er auf Englisch geführt wird. Es gibt einen zweiten, persischen Account mit Ruhanis Namen. Inhaltlich seien beide fast deckungsgleich, so Posch.

Der iranische Umgang mit dem Internet sei sehr geschickt und flexibel. Diese Flexibilität führe auch zu dem im Westen wahrgenommenen Widerspruch zwischen einem twitternden Präsidenten und einer Bevölkerung, die sich nicht bei Twitter einloggen darf. Tatsächlich sind geschätzte 20 bis 30 Millionen Iraner trotz Verbots über VPN-Tunnel und andere Umwege auf Facebook, und auch Iraner twittern.

Ruhani nutzt Twitter laut Posch genau so wie westliche Politiker auch: als PR-Instrument. Das habe sich auch vor und während der UN-Hauptversammlung in New York im September gezeigt. „Die Iraner müssen sich lange vorbereitet und genau beobachtet haben, wie die westliche Welt auf Twitter reagiert.“

Eine Lehre der Iraner war offenbar: Exklusive Informationen kommen im Netz gut an. Über Ruhanis Account wurde publik, dass der iranische Präsident und US-Amtskollege Barack Obama im Rahmen des Treffens miteinander telefoniert hatten. Der Tweet über den direkten Kontakt zwischen dem iranischen und dem amerikanischen Präsidenten kam Obamas hastig anberaumter Pressekonferenz zuvor. Es war der erste Kontakt zweier Staatschefs auf dieser Ebene seit Irans islamischer Revolution 1979.

Ruhani löschte den ursprünglichen Tweet, schrieb aber wenig später erneut über Details der Unterhaltung. So habe er Obama zum Abschied auf Englisch einen „Guten Tag“ gewünscht. Obama wiederum wünschte Ruhani eine gute Reise und entschuldigte sich für den New Yorker Verkehr. Offenbar ist man auch im Weißen Haus davon überzeugt, dass der Account Ruhanis echt ist.
Die Twitter-Diplomatie wirkt

Während Ruhani-Vorgänger Ahmadinedschad auch innerhalb des Irans massiv an Rückhalt verloren habe, sei Ruhani kontrollierter und bedachter, sagt Iran-Experte Posch. Dazu passe der „generalstabsmäßig geplante“ Einsatz von Twitter. „Sie haben eine gut geführte PR-Kampagne gezeigt, die sehr erfolgreich war. Ihr Ziel, vor der UN-Konferenz atmosphärische Störungen aus dem Weg zu schaffen, haben sie voll erreicht.“

Ruhani ist nicht der einzige ranghohe Politiker, der in sozialen Netzwerken aktiv ist. Außenminister Mohammad Javad Zarif nutzt beispielsweise Twitter und Facebook und hat das – anders als Ruhani – sogar öffentlich bestätigt.

Dass Ruhani durch sein Auftreten und möglicherweise auch durch sein weichgespültes Twitter-Image im Westen viel Zuspruch erfährt, registrieren Irans Gegner besorgt, allen voran Israel. Ministerpräsident Benjamin Netanjahu bezeichnete Ruhani jüngst als „Wolf im Schafspelz“ und warnte, der Iran sei immer noch eine Bedrohung.

„Er ist erfahren, kultiviert und weiß um die Wünsche des westlichen Publikums“, schreibt die israelische Zeitung Haaretz über Ruhani und fragt scherzhaft: „Wo ist Ahmadinedschad, wenn wir ihn wirklich brauchen?“

Von Ruhanis Twitter-Erfolg könnten sich israelische Politiker dabei durchaus etwas abschauen. Netanjahu machte sich innerhalb der letzten Wochen gleich zwei Mal zum Gespött im Internet. Iranische Jugendliche machten sich erst über seine Aussage lustig, sie würden Jeans tragen, wenn sie es nur könnten, und posteten massenhaft Beweisfotos von sich in dem Kleidungsstück. Dann folgte Netanjahu auf Twitter versehentlich einem iranischen Account zu erotischer Literatur.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *