Geschrieben am 23. Dezember 2013 von Redaktion abgelegt in der Kategorie Israel,
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Israel – Das unheilige Land

Eine Reise durch Israel: Ein Kibbuz und eine Universität an der Grenze nach Gaza. Auf der Reise nach Ramallah wird klar: Die meisten wollen Frieden.

Gaza liegt im Dunst. Hochhäuser prägen das Bild wie in jeder anderen Stadt mit einer halben Million Menschen. Hinter der Stadt schimmert ein blasser blauer Streifen, mehr zu ahnen als zu sehen: das Meer, das Mittelmeer. Gaza war in Jahrtausenden eine bedeutende Stadt am Ende der Weihrauchstraße, eine Handelsstadt mit Hafen, geschützt durch eine viertorige Mauer.

Gaza ist heute eine verbotene Stadt am Ende vom Nirgends. Man kann sie sehen, aber nicht betreten. Wer durch Israel fährt, nach Westen, kann bis zum Zaun fahren. Aber zum Zaun fährt keiner, Gaza bleibt im Dunst.

In Sichtweise des Streifens, der Weltpolitik macht, liegt der Kibbuz Kfar Aza.

Über Jahrzehnte war der Kibbuz ein friedlicher Ort, in dem Sozialisten ihren Traum von einer gerechten Welt lebten – bis die Raketen kamen von der anderen Seite der Grenze, Tausende von Raketen, Tag für Tag.

Geschichten aus dem Kibbuz

Ralph Lewinsohn zeigt eine Quassam-Rakete, die nicht weit von seinem Haus entfernt eingeschlagen ist. Er lebt in einem Kibbuz mit achthundert Einwohnern, nicht einmal zwei Kilometer vom Gazastreifen entfernt. Foto: Paul-Josef Raue Ralph Lewinsohn zeigt eine Quassam-Rakete, die nicht weit von seinem Haus entfernt eingeschlagen ist. Er lebt in einem Kibbuz mit achthundert Einwohnern, nicht einmal zwei Kilometer vom Gazastreifen entfernt. Foto: Paul-Josef Raue

Ralph lebt seit Jahrzehnten im Kibbuz. Nachdem er aus Afrika eingewandert war, zog er in die Wüste und half, sie fruchtbar zu machen. Die Raketen haben das Leben verändert: An jedes Haus ist ein kleiner Bunker angebaut worden, vom Staat bezahlt – ein schmales Zimmer mit Bücherwand, auf der Gasmasken liegen, ein Teppich, ein Fernseher, ein rotes Bettsofa. In ruhigen Zeiten lässt Ralph in diesem Zimmer seine Gäste schlafen.

Ralph erzählt Geschichten aus dem Kibbuz, Geschichten wie diese:

Die Mauer in Jerusalem ist acht Meter hoch. Foto: Paul-Josef Raue Die Mauer in Jerusalem ist acht Meter hoch. Foto: Paul-Josef Raue

Ein sechs Jahre alter Junge geht mit seiner Großmutter zum Schwimmbad und fragt: „Ich sehe hier keinen Bunker. Wo laufe ich hin, wenn eine Rakete kommt?“ Die Großmutter nimmt den Enkel an die Hand und sagt: „Du legst dich auf den Boden, und ich lege mich auf dich.“ Der Enkel fragt weiter: „Und was mache ich, wenn Du tot bist? Wie komme ich dann zurück in unser Haus?“

Wenn eine Quassam-Rakete abgefeuert wird, schrillen die Sirenen – und jeder hat 15 Sekunden Zeit, sich in Sicherheit zu bringen. Geschichten vom Überleben und Sterben hören schon die Kinder, wie wohl auch auf der anderen Seite des Zauns. In den Gärten vor den Häusern liegen neben der Rutsche und dem Kinder-Fahrrad Raketenhülsen, in denen die Einwohner Blumen gepflanzt haben, meist rote.

Geschichten vom Frieden werden selten erzählt. Ralph erzählt einen Witz, über den keiner lachen kann, ein typischer Witz am Zaun: „Der Optimist in Israel lernt Arabisch. Der Pessimist lernt Persisch. Der Realist lernt Schwimmen.“

Doch nicht nur die Raketen haben den Alltag verändert: Auch aus dem alten, dem ursprünglichen jüdischen Traum sind die Menschen aufgewacht. Im Restaurant des Kibbuz, in dem sich die Bewohner zum gemeinsamen Essen treffen, erinnert Ralph an die Anfänge des Kibbuz:

Alle waren gleich. Alle gaben ihr Einkommen in eine gemeinsame Kasse. Jeder bekam das, was er brauchte: Wer drei Kinder hatte, der bekam mehr als einer, der zwei Kinder hatte.

Autos standen allen zur Verfügung: War eines frei, konnte man fahren; wenn nicht, dann blieb man im Kibbuz. Mit den Autos begann der sozialistische Traum unscharf zu werden.

Wer in der Nachbarstadt arbeitete, bekam von seiner Firma einen Dienstwagen gestellt: Er konnte fahren, wann und wohin er fahren wollte. Das war das erste Privileg.

Doch das eine Privileg reichte nicht. Die Kibbuzim, die als Manager außerhalb arbeiteten, sahen nicht ein, dass sie ihr hohes Einkommen abgeben sollten: Wir haben drei Jahre studiert, arbeiten zwölf Stunden am Tag – und bekommen weniger als einer im Kibbuz, der nicht studiert hat, nur sechs Stunden arbeitet und nachmittags mit seinen Kindern spielen kann.

Heute ist der Sozialismus in den meisten Kibbuz abgeschafft und in eine Genossenschaft umgewandelt worden – mit Eigentum und Vererbung. Die Älteren genießen noch die Gemeinschaft, viele der Jüngeren verlassen den Kibbuz und ziehen in die Städte oder gleich ins Ausland, am liebsten nach Berlin, dem neuen Sehnsuchtsort der jungen Israelis.

Wer das Multikulti-Land Israel mit seinen 100 Völkern und 60 Sprachen verstehen will – was schwer genug ist – , der versteht es nur unscharf am Strand oder in den Bars von Tel Aviv, auch nicht auf dem Tempelberg in Jerusalem oder den Siedlungen im Osten, er versteht es am besten im Dunstkreis von Gaza.

Universität unweit des Gazastreifens
Die Universität von Sederot ist eine der zehn besten in Israel, eine Exzellenz-Hochschule. Auf dem Campus schlendern zwischen Palmen Rucksack-Studenten mit langen blonden Locken und Frauen mit Kopftuch; auf dem Rasen surfen sie im weltweiten Netz, faulenzen auf großen Teppichen oder hölzernen Liegen wie in einem Nobelhotel am Strand.

Die hellen Gebäude erinnern daran, dass Israel das Land der Bauhaus-Architekten ist, die in den dreißiger Jahren aus Weimar flohen. „Die Grenze nach Gaza ist nur vier Kilometer entfernt“, sagt die Medien-Professorin Sheffi, und sie sagt es stolz. „Nur anderthalb Kilometer“, korrigiert Sivan, eine Studentin. „Oh“, sagt die Professorin, „das ist ja eine noch bessere Nachricht, so nah.“

Wer kommt zum Studieren in die Reichweite der Raketen, von denen neuntausend gezählt wurden? Die Antwort ist eine typisch israelische Geschichte.

„Es ist kein Patriotismus“, sagen die Studenten. „Es ist alles viel billiger als in Tel Aviv.“ Wer sich keine teure Privat-Uni leisten kann, studiert eben unweit des Gazastreifens.

Sederot war wenige Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs als „Stadt der Emigranten“ am westlichen Rand der Negev-Wüste gegründet worden; heute leben viele Russen in der Stadt und achttausend Studenten, die knapp die Hälfte der Einwohner stellen, die in den vierhundert Fabriken schnell einen Job finden und die sich in der Stadt ehrenamtlich für Behinderte und Holocaust-Überlebende engagieren.

„Ich würde gerne mit Studenten in Gaza kommunizieren“, sagt Sivan. Doch der Zaun hat keine Lücken, Treffen sind unmöglich, und selbst Facebook und Twitter überwinden kaum die Grenze, die eine der hermetischsten der Welt ist.

Manchmal darf ein Journalist in das verbotene Land reisen wie der Fotograf Paolo Pellegrin. Er berichtet über die Opfer des Kriegs, die so schnell vergessen werden – wie die fünftausend Verletzten nach dem Bombardement vor fünf Jahren, das die israelische Armee „Gegossenes Blei“ nannte.

Wer Pellegrins Bilder von den Zivilisten sieht, die Beine, Augen und Zukunft verloren haben, der ahnt die menschlichen Tragödien jenseits von Propaganda und Politik – auf beiden Seiten. „Ich will mit den Bildern nicht für oder gegen agitieren, ich versuche, Geschichten zu sammeln“, sagt der Fotograf in einem „Zeit“-Interview.

Israel und Palästina sind Flüchtlingsländer: Wer zählt die Vertreibungen in der langen Geschichte der umkämpften Landschaft am Mittelmeer? Alle Großmächte stritten sich in den Jahrtausenden um die wichtige Handelsstraße und die Häfen am Meer. Es dürfte keine Landschaft geben in der Welt, in der mehr Blut vergossen wurde und doch keiner lange Sieger war.

Ramallah, eine moderne und junge Stadt
Auch Palästina war und ist geteilt: Das Westjordanland mit Ost-Jerusalem gehörte zwanzig Jahre lang zu Jordanien, Gaza zu Ägypten, die Golan-Höhen zu Syrien; heute befehden sich in dem zersplitterten Gebiet, das ein Palästinenser-Staat werden will, zwei Parteien: Hamas in Gaza, unterstützt von Syrien und dem Iran, und die Fatah im Westjordanland.

Während Europa die Hamas als Terror-Organisation einstuft, spricht es mit der Fatah, um durch eine Zwei-Staaten-Lösung doch noch Frieden zu schaffen. Fahren wir also nach Ramallah, in die Hauptstadt der Palästinenser mit dem gigantischen Mausoleum von Arafat, dem Friedensnobelpreisträger – der gleichwohl den Frieden verhindert hat; im Verhindern des Friedens war er nicht allein, Falken gab und gibt es ebenso jenseits der israelischen Mauer, die Ramallah von Jerusalem trennt.

Nach Ramallah gelangt ein Deutscher ohne große Schwierigkeiten: Ein Kontrollpunkt; ein junger israelischer Soldat mit Waffe, der versucht, grimmig zu schauen.

Ramallah ist eine normale Stadt mit schönen Häusern und einem Mövenpick-Hotel, einer Bank mit gläserner Fassade, mit Modegeschäften und Bars, und mit vielen jungen Leuten, die in der Universität studieren und von einer Zukunft ohne Besatzer träumen – und mit Journalisten, die für eine der 19 Radiostationen arbeiten, fürs Fernsehen und für die Zeitungen.

Nour Musa Odeh war Korrespondentin des arabischen TV-Senders Al-Jazeera und Regierungssprecherin: „Es gibt keine Zensur, es gibt keinen, der sagt: Das darfst du nicht recherchieren oder senden. In Gaza ist es anders: Da werden Journalisten gegängelt und auch ins Gefängnis geworfen.“

Millionen Palästinenser im sozialen Netzwerk
Mamoun Abdulla Matar ist Journalisten-Lehrer: Er spricht vorsichtiger, er spricht vom Kampf für die Freiheit der Medien und von Ministerien, die einem Journalisten das Leben schwer machen – und er spricht von den sozialen Netzwerken, in denen alles möglich ist. Anderthalb Millionen Palästinenser tummeln sich auf Facebook, vor fünf Jahren waren es gerade mal zweihunderttausend.

In Gaza sind deutlich mehr Leute auf Facebook unterwegs als im Westjordan-Land – „weil es in Gaza viel weniger Nachrichten-Quellen gibt“. Journalisten in Gaza arbeiteten im Regen, sagt der Lehrer: „Sie versuchen trotzdem, nicht nass zu werden.“

Wird es Frieden geben in dem Land, das als das Heilige gilt? Israel hat militärisch keinen Nachbarn mehr zu fürchten, ist mit sich selbst beschäftigt: Soziale Spannungen, weil etwa die Mieten kaum mehr zu bezahlen sind; immer weniger Toleranz gegenüber den Orthodoxen, die keinen Militärdienst leisten und ihre Kinder streng-religiös erziehen; aber auch Sorgen um den Status als jüdischer Staat, da der Anteil der kinderreichen arabischen Bürger im Land steigt.

Auch zwei Drittel der Palästinenser wollen Frieden mit Israel und eine Zwei-Staaten-Lösung, sagt Nabil Shath, der in den USA studiert hatte, zwei Jahre Außenminister in Ramallah war und neun Tage Premierminister. „Wir haben viel aus unseren Fehlern gelernt, wir wollen keine Gewalt“, erklärt Shath, der Arafats enger Berater war und immer noch großen Einfluss hat.

Fehler? „Rabin wollte Frieden, Arafat wollte Frieden. Wir haben die Chance nicht ergriffen.“ Stattdessen, so Shath, ließen sie die zweite Intifada los mit Selbstmord-Attentaten und Raketen; der Intifada folgte die Vergeltung durch israelische Bomber und der Bau der Mauer quer durch Jerusalem.

Es ist ein unheiliges Land. Unter Frieden verstehen die meisten schon das Ausbleiben des Terrors – vor und hinter der Mauer. „Eigentlich geht es uns gar nicht schlecht“, sagt ein junger Palästinenser und schaut sich um, ob keiner zuhört. „Es geht uns besser als in allen anderen arabischen Staaten.“

Frieden sieht anders aus.

Jubiläumsreise

Erst 1965 nahmen Israel und die Bundesrepublik diplomatische Beziehungen auf. Zuvor organisierte schon die „Bundeszentrale für politische Bildung“ Reisen nach Israel, etwa für Lehrer und Journalisten. Zum Jubiläum „50 Jahre Israel-Reisen“ fuhr TA-Chefredakteur Paul-Josef Raue mit nach Israel und Palästina.

Die DDR hatte keine Beziehungen zu Israel. Sebastian Voigt von der Universität Leipzig hat das Verhältnis der DDR zu Israel untersucht und stellt fest: „Die staatliche Politik der DDR war zurzeit der Verfolgungen in den Jahren 1952/53 durchaus antisemitisch. Danach kam es immer wieder zu antiisraelischen Kampagnen, die auch offen antisemitische Stereotype bedienten.“

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