Libyen: Rebellen hacken Ghaddafis Handynetz

Was wäre die Welt, oder zumindest die Demokratie ohne Hacker? In Libyen ist es gelungen, wesentliche Teile des staatlichen Mobilfunknetzwerks abzuklemmen, so dass es jetzt den Rebellen dient, frei von Kontrolle durch Ghaddafis Militär.

Anders als in Ägypten und Tunesien entwickelte sich in Libyen aus der Jasmin-Revolution ein echter, blutiger Bürgerkrieg. „Revolutionsführer“ Muammar Ghaddafi dachte nicht daran, abzudanken, sondern gab Feuerbefehl gegen die Zivilbevölkerung. Und im März schaltete der Diktator – auch anders als in den anderen Ländern des arabischen Frühlings – neben dem Internet auch das Mobilfunknetz aus. Die Aufständischen waren von da an auf Flaggensignale angewiesen, um Truppenoperationen gegen die Söldner aus Tripolis zu koordinieren, was den Freiheitskampf erheblich erschwerte.

Zu diesem Zeitpunkt war der in den USA aufgewachsene Libyer Ousama Abushagur bereits damit beschäftigt, humanitäre Hilfstransporte in sein Heimatland zu organisieren. Angesichts des Kommunikationsnotstands konnte er seine beruflichen Qualifikationen als leitender Manager bei einer Telekomfirma einbringen. Zusammen mit zwei in Dubai und Doha als Manager arbeitenden Freunden aus seiner Kindheit organisierte er Spenden im arabischen Raum, um den Aufstand auch technisch unterstützen zu können.

Eine grössere Hürde auf dem Weg zu mobiler Verständigung war die Weigerung des chinesischen Netzwerkausrüsters und Lieferanten der libyschen Mobilfunkeinrichtungen, Huawei, den Rebellen passendes Material zu verkaufen. Hier verhinderte womöglich die Angst der chinesischen Bürokratie vor einer demokratischen Infektion weiterer Geschäftskontakte.

Also waren Abushagur und seine Helfer gezwungen, zu eher unkonventionellen Lösungen zu greifen, um Teile des Mobilfunknetztes letztlich erfolgreich vom staatlichen Anbieter Libyana abzutrennen und für die Bedürfnisse der rebellierenden Bevölkerung zu nutzen. So war es nötig, die Datenbank aller libyschen Rufnummern in Tripolis zu stehlen, um die Telefone verknüpfen zu können; während der Offensive der Ghaddafi-treuen Truppen arbeitete das Mobilfunkteam Abushagur von einem ägyptischen Militärflugplatz aus weiter.

Entscheidend war hier die Hilfe der Vereinigten Arabischen Emirate (Dubai, Abu Dhabi etc), deren Regierung dafür sorgte, dass teures Mobilfunk-Provider-Equipment beschafft und über die ägyptische Grenze nach Libyen gebracht werden konnte. Dazu stellte die dortige Telekomgesellschaft Etisalat Frequenzbänder auf einem Kommunikationssatelliten zum Betrieb des neuen Mobilfunkservice „Free Libyana“, der seit Anfang April den Bewohnern das nordafrikanischen Landes kostenlos zur Verfügung steht – es gibt nämlich noch kein Abrechnungssystem. Ferngespräche werden über Etisalat verrechnet.

Gut, zu wissen, dass demokratische Rebellionen auch auf technische Hilfe zählen können, statt nur auf diplomatische Interventionen und Appelle.

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