Rechts nimmt überhand: Nach Rabbiner nun türkische Mitbürgerinnen zusammen geschlagen

Es ist der Tag, an dem die Polizeifahnder Wohnungen von Neonazis stürmen und im Zuge der Verbotsverfügung das Vermögen der Kameradschaft Aachener Land einziehen. Die Kölnerin Selma S. (45) und ihre Schwester Aicha K. aus Herzogenrath (52/Namen geändert) sind auf dem Weg nach Hause.

Aichas schwerkranken Mann haben sie im Krankenhaus besucht, der Heimweg über die Bardenberger Straße zieht sich hin. Die 52-Jährige bricht plötzlich in Tränen aus, in Kummer um den wahrscheinlich krebskranken Ehepartner.

Selma steuert den Parkplatz des Schulzentrums an, nur mal innehalten, Luft schnappen, in Ruhe die Sorgen von der Seele reden? Eine Bank – gestiftet vom Seniorenbeirat der Stadt Herzogenrath, wie eine Plakette verrät – lädt zum Verweilen ein an diesem warmen Sommerabend. Aicha trinkt aus einer kleinen Flasche Mineralwasser.

Plötzlich nähert sich ein junges Pärchen. Was die Frauen zunächst nicht beunruhigt, viele Leute sind an diesem Abend unterwegs ins angrenzende Naturschutzgebiet. Doch der junge Mann wird aggressiv. «Kanaken», brüllt er, «geht in Euer Land zurück … mit Eurem Scheißkopftuch».

Aicha trägt einen Seidenschal über dem Haar, die fremde junge Frau zeigt mit dem Finger auf sie, fängt ebenfalls an zu brüllen. «Wenn ihr jetzt noch anfangt, Türkisch zu reden, schlagen wir euch zusammen und polieren Euch die Fresse», droht der Mann lautstark.

Voller Angst, aber geistesgegenwärtig hat Selma die Notrufnummer auf der Handy-Tastatur gedrückt, hält den Finger über der grünen Anruftaste. «Wenn ihr nicht aufhört mit euren Beleidigungen, dann rufe ich die Polizei», versucht sie in ihrer Not die Angreifer abzuwehren.

Doch das bringt das Duo erst richtig auf, beide stürmen auf die wehrlosen Frauen zu, Selma verspürt einen schweren Schlag an der Schläfe: «Ich bin nur so herumgewirbelt, dann lag ich auf dem Boden, hörte Schreie und sah, wie sie auf meine Schwester einschlugen …» Diese Erinnerung ist zu viel für Selma, sie bricht in Tränen aus. Die ganze Familie ist um sie versammelt, alle wollen ihr Trost und Halt geben.

Aber Selma möchte weiter erzählen, auch um das Ungeheuerliche begreifen zu können: «Als ich mich aufrappelte, habe ich wieder einen Schlag bekommen. Ich habe nur noch geschrien, ich hatte solche Angst um meine Schwester, die einen Bandscheibenvorfall hatte und deswegen ohnehin schon Schmerzen.»

Mittlerweile seien die Angreifer zu dritt gewesen, «ich sah nur noch, wie sie auf meine Schwester eintraten». Minutenlang, sagt sie, habe da offenbar schon der Kontakt zur Einsatzzentrale bestanden, schließlich gelingt es ihr, den Notruf abzusetzen.

Die Beamtin in der Leitung versucht, die panische Frau zu beruhigen, um dringend benötigte Angaben erfragen zu können. Die Täter springen in ein Auto und rasen davon. Selma sieht, wie ihre Schwester aus der Nase blutet, ihr Gesicht rot angeschwollen ist. «Wo sind wir hier?», schreit sie. Mittlerweile sind Spaziergänger nähergekommen. «Herzogenrath, Parkplatz Gymnasium», habe einer geantwortet.

Nach der Polizei ruft Selma ihren Sohn an, noch vor dem Rettungsdienst ist der 27-Jährige an Ort und Stelle. «Hier habe ich meine Mutter liegen sehen!», zeigt er aufgebracht auf den Rasen neben der Bank. Die leere Mineralwasserflasche liegt noch da, zeugt von den schrecklichen Geschehnissen. Selma wird wieder von Tränen geschüttelt: «Dann lag meine Schwester da, völlig regungslos, mit dem Gesicht nach oben und starrem Blick. ?Schwester, Schwester‘ habe ich auf Türkisch geschrien. Wahrscheinlich ist sie dadurch zu sich gekommen. Ihr gehe es gut, hat sie nur gewimmert.»

Die Frauen werden in unterschiedliche Krankenhäuser gebracht, Aicha auf der Intensivstation behandelt, den Abend lang sieht es sehr ernst um sie aus. «Wir haben gedacht, sie überlebt das nicht.» Selmas Anwalt Mehmet Kandemir greift nach seinem Smartphone, zeigt ein Foto aus dem Krankenhaus: das blutunterlaufene Gesicht einer Frau, deren verquollene Augen sich kaum öffnen lassen, den Kopf dick verbunden, dünne Sauerstoffschläuche in der Nase. Auch Aicha hat zwei erwachsene Kinder. «Ich kann meine Mutter immer noch nicht ansehen», macht ihre Tochter ihrem Entsetzen Luft. «Das sind keine Männer, das sind Feiglinge», schwanken die Gefühle ihres Bruders zwischen Schock und Wut.

«Dass uns so etwas einmal passieren könnte, hätte ich nie gedacht», sagt Selma. In Deutschland fühlt sich die ganze Familie zu Hause. «Unser Vater hat dieses Land mit aufgebaut», erinnert sie an die Arbeitsleistung der einst ins Land geholten «Gastarbeiter».

Viele Jahre hat der Vater bei Ford gearbeitet, seinen Kindern eine gute Ausbildung ermöglicht. Arzthelferin ist Selma geworden, ein Beruf, den sie gerne ausgeübt, in dem sie sich immer weiter fortgebildet hat. Zwei Kinder haben sie und ihr Mann großgezogen, ihre Tochter besucht das Gymnasium, wird bald Abitur machen.

Aber nun sitzt die 45-Jährige im Wohnzimmer ihrer krankenhausreif geschlagenen Schwester, das linke Auge blau unterlaufen, den rechten Ellbogen verbunden, Schmerzen in Schultern und Unterleib. Und muss wieder lernen, Vertrauen zu fassen in ein Land, das ihre Heimat geworden war.

Am Freitag hat Selma S. detailreiche Angaben über den brutalen Überfall auf sie und ihre Schwester auf der Herzogenrather Wache zu Protokoll gegeben.

Wegen der fremdenfeindlichen Beleidigungen und Hetze ist der Fall an die Einsatzgruppe Rechtsmotivierte Kriminalität (Remok) mit Sitz in Stolberg übergeben worden, die auch federführend bei der Neonazi-Razzia vom Donnerstag in der Aachener Region war. «Es gibt einen Ermittlungsansatz», sagt Polizeisprecherin Sandra Schmitz.

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