Türkei droht schwere Wirtschaftskrise

Nichts scheint den Absturz der türkischen Lira aufhalten zu können. Auf den Digitalanzeigen der Wechselstuben am zentralen Taksim-Platz in Istanbul lässt sich der dramatische Fall der Landeswährung im Stundentakt ablesen. Seit Montag verlor sie täglich fast zwei Prozent an Wert gegenüber US-Dollar und Euro, seit dem Putschversuch im vergangenen Juli insgesamt rund dreißig Prozent – und ein Ende der Talfahrt ist trotz hastiger Stützungsverkäufe aus den Dollarreserven der Zentralbank nicht in Sicht.

Der Lira-Sinkflug aber ist der Vorbote einer Wirtschaftskrise, deren Ausläufer die Türkei bereits erreicht haben. Anders als in früheren Krisen sind die Gründe nicht vorwiegend extern, sondern im Land selbst zu suchen: politische Turbulenzen, Terrorismus, der Krieg in Syrien und eine Verfassungsdebatte zum denkbar schlechtesten Zeitpunkt.

Deutsche Bank attackiert

Galt noch im vergangenen Jahr die Schwelle von drei Lira für einen Dollar als „rote Linie“, so fiel der Kurs am Mittwoch auf 3,94 Lira, zum Euro fiel er bereits unter die Vier-Lira-Schwelle auf 4,12 Lira – noch vor einem Jahr stand der Eurokurs bei 3,30 Lira. Da die Türkei viele Waren und Rohstoffe importieren muss, werden die Einfuhren durch den höheren Dollarkurs teurer und die Inflation im Land angeheizt. Zudem ist die Wirtschaft im dritten Quartal 2016 erstmals seit der globalen Finanzkrise vor sieben Jahren wieder geschrumpft. Es ist das deutlichste Zeichen, dass sich die politischen Wirren ernsthaft auf die Wirtschaft auswirken.

Die Lage ist so ernst, dass Erdogan zu Kriegsmetaphern greift, um Schuldige auszumachen. „Unsere Wirtschaft ist ins Visier ausländischer Devisenspekulationen geraten“, wetterte er im Fernsehen. Das Ausland und dessen „Zinslobby“ seien für den Fall der Lira verantwortlich.

Sie attackierten die Türkei, weil diese zu mächtig geworden sei und wollten den angestrebten Verfassungswechsel zum exekutiven Präsidialsystem verhindern. Am Donnerstag bezeichnete die regierungsnahe Zeitung Yeni Safak den Lira-Fall auf ihrer Titelseite in großen Lettern ernsthaft als „Operation der Deutschen Bank“.

Alle Gegenmittel, die sich Erdogans Team bislang ausdachte, sind verpufft. Im Dezember hatte er das Volk aufgerufen, Devisen in Lira umzutauschen und Gold zu kaufen. Zwar stiegen die Goldkäufe massiv an, aber der patriotische Appell führte weder dazu, dass die Türken ihr Geld von Auslandskonten zurückholten noch dass sie nennenswert Devisen umtauschten. Im Gegenteil, die Dollar- und Euroguthaben auf türkischen Banken nahmen leicht zu. Dass sich der Währungskurs trotzdem kurzzeitig erholte, lag an massiver Intervention des Staates. Große Institutionen wie die Istanbuler Börse, Ministerien und die staatliche Post tauschten ihre Devisenrücklagen um. Zehn Milliarden Dollar seien auf diese Weise getauscht worden, sagte Regierungschef Binali Yildirim.

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