Geschrieben am 8. Juni 2011 von Redaktion abgelegt in der Kategorie Türkei,
Kommentare (3)

Türkei Erdogan: Boom am Bosporus

Durch den Wirtschaftsboom wächst der Wohlstand in der Türkei. Das einst arme Land schaffte den Aufstieg auch dank Premier Erdogan. Am Sonntag stellt er sich erneut zur Wahl.

Blechteile scheppern, Schleifmaschinen kreischen, und Nusret Caliskan ist zufrieden. In der Autowerkstatt des Mitt-Vierzigers in einem Vorort der türkischen Metropole Istanbul sind 25 Mitarbeiter voll beschäftigt. Ein Geselle rangiert ein weißes Cabrio rückwärts in die Werkhalle. In der Lackiererei trocknet ein frisch gespritztes Auto, und in der Wäscherei hantiert ein Lehrling mit der Poliermaschine. Die Werkstatt Caliskanlar kümmert sich nur um die Luxusmarken BMW, Mercedes und Landrover, doch der Betrieb brummt trotzdem. Und das in der Türkei, dem früheren Armenhaus am Rande Europas.

„In den letzten drei Jahren verkaufen sich diese Luxusautos so schnell, dass sie nur noch mit Wartezeit zu haben sind“

sagt Caliskan. Dabei sind Wagen dieser Kategeorie wegen einer Sondersteuer in der Türkei deutlich teurer als etwa in Deutschland. Dennoch verkaufen sich die Hunderttausend-Euro-Karossen schneller, als sie importiert werden können.

In den vergangenen Jahren hat die Türkei einen Wirtschaftsboom erlebt, der das Land grundlegend verändert hat – und der ein entscheidender Faktor bei den Parlamentswahlen am kommenden Sonntag sein wird.

„Weitere Stabilität für weiteres Wachstum“

lautet der Wahlslogan der Regierungspartei AKP von Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan, die in den Umfragen zwischen 45 und 50 Prozent liegt, 20 Prozentpunkte vor der größten Oppositionspartei. Statt auf Islam setzt die religiös-konservative AKP auf Investitionen und Wachstum. Seit dem Regierungsantritt der AKP Ende 2002 hat sich das türkische Bruttoinlandsprodukt verdreifacht, die Zahl der Autos auf türkischen Straßen hat sich verdoppelt, Erdogans Regierung ließ in den vergangenen Jahren 13 000 Straßenkilometer vierspurig ausbauen.

Die früher zeitweise dreistellige Inflation ist auf unter 10 Prozent gesunken, das Exportvolumen stieg von 36 auf 132 Milliarden Dollar im Jahr. Von einigen Wirtschafts-Kennziffern können manche Euro-Länder nur träumen: Die Neuverschuldung liegt bei 2,8 Prozent, die Staatsverschuldung bei 42 Prozent. Noch vor Jahren als Hungerleider betrachtet, ist die Türkei heute Mitglied der G-20.

Langsam aber sicher entsteht so etwas wie eine bürgerliche Mittelschicht mit bescheidenem Wohlstand im Land. Im ersten Quartal des Jahres kauften die Türken 436 000 Kühlschränke, 100 000 mehr als im Vergleichszeitraum 2010. Für einige internationale Firmen, wie Bosch-Siemens-Hausgeräte, ist die Türkei einer der wichtigsten Wachstumsmärkte. Zwar gibt es Alarmsignale, die auf einen möglicherweise tiefen Fall nach dem Höhenflug deuten. So bereitet das hohe Leistungsbilanzdefizit Sorgen. Auch kann der Arbeitsmarkt mit der Bevölkerungsentwicklung nicht mithalten – von 2002 bis 2010 wuchs die Bevölkerung der Türkei um rund 4 Millionen Menschen auf fast 74 Millionen. Die Erwerbslosigkeit liegt bei 11 Prozent. Zudem verführen Ratenkauf sowie billige und einfach zu habende Kredite, die zum Teil spontan am Geldautomaten abgerufen werden können, viele Türken dazu, sich zu verschulden.

Dennoch überwiegt bei vielen der Optimismus. Acht von zehn Mittelständlern in der Türkei sind nach einer Umfrage mit ihrer Lage zufrieden, Demoskopen ermitteln ein hohes Maß an Zustimmung für die Wirtschaftspolitik der vergangenen Jahre. Das dürfte der Regierung bei den Wahlen am Sonntag helfen, und das macht es für die Opposition um Kemal Kilicdaroglu schwer.

Werkstatt-Besitzer Caliskan, dessen Name auf Deutsch ‚fleißig‘ bedeutet, ist einer von vielen kleinen und mittelständischen Unternehmern, die von diesem Boom profitieren. Er hat sich vor fünf Jahren mit 13 Beschäftigten selbständig gemacht, inzwischen hat sich seine Belegschaft verdoppelt. Erst vor drei Monaten hat er seinen Betrieb ausgebaut. Derzeit überlegt er sich, ob er einen der billigen staatlichen Kredite zur Mittelstandsförderung aufnehmen soll, denn er will erneut erweitern und eine Autohandlung eröffnen.

Caliskan macht keinen Hehl daraus, dass er die AKP noch länger an der Regierung sehen will. Auch Automechaniker Ali lobt die Erdogan-Partei.

„Viel besser als vor zehn Jahren geht es mir heute. Die Arbeitschancen, der Lebensstandard – alles viel besser als früher“

sagt er. Früher habe er vom eigenen Auto nicht einmal träumen können, erzählt Ali. Heute fährt er BMW.

3 Comments

  1. adalet

    8. Juni 2011 @ 13:49

    Ziel 2023: Helâl Erdogan 🙂

  2. Bauhaus

    9. Juni 2011 @ 12:44

    Am Sonntag sind endlich die Wahlen. Hiernach erwarten wir eine zu 100% an die westliche Demokratie angelehnte Verfassung. Mal schauen, wie das Ganze ausgeht.

  3. Stefan Wehmeier

    9. Juni 2011 @ 15:37

    Der einzelne Unternehmer kann, wenn er erfolgreich ist, seine Kredite zurückzahlen und selbst zum Zinsgewinner (Kapitalist) werden. Für einen ganzen Staat ist das jedoch, solange Zinsgeld (fehlerhaftes Zwischentauschmittel mit parasitärer – der wesentlichen Tauschfunktion widersprechenden – Wertaufbewahrungsfunktion) verwendet wird und es ein privates Bodeneigentumsrecht gibt, prinzipiell unmöglich.

    Ein Staat ist nur zu entschulden, wenn durch eine konstruktive Geldumlaufsicherung (staatliche Liquiditätsgebühr auf alles Zentralbankgeld plus direkte Geldmengensteuerung) in Verbindung mit einem allgemeinen Bodennutzungsrecht (Erbpachtrecht) der Kapitalmarktzins auf Null sinkt, ohne dass es zum Geldstreik (Investitionsstreik) kommen kann (zivilisatorischer Normalzustand der Freiwirtschaft = echte Soziale Marktwirtschaft):

    http://www.deweles.de/files/2010_gsm.pdf

    Alles andere bedeutet Krieg – der nur solange der Vater aller Dinge sein konnte, wie es noch keine Atomwaffen gab!

    Informiert satt verdummt

    Biologische Gesundheit:
    http://www.dr-schnitzer.de/gw001.htm

    Geistige und ökonomische Gesundheit:
    http://www.deweles.de

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