US-Konsulat in Berlin geräumt

Zwischenfall in Berlin: Der Visa-Bereich des US-Konsulats in Dahlem wird evakuiert. Dutzende Mitarbeiter verlassen das Gebäude. Grund sind eine verdächtige Postsendung und Atemwegsbeschwerden von Mitarbeitern. Derweil weiten sich die Ausschreitungen gegen US-Botschaften im Nahen Osten zu einem regelrechten Flächenbrand aus.

Das US-Konsulat in Berlin-Dahlem ist wegen einer verdächtigen Postsendung geräumt worden. Nach Angaben der Feuerwehr hatten drei Menschen plötzlich über Atemwegsprobleme geklagt. Zuvor soll eine Sendung mit einer verdächtigen Substanz in dem Konsulat eingegangen sein. Der Notruf sei gegen 11.15 Uhr eingegangen, sagte ein Sprecher. Polizei und Feuerwehr sind mit Spezialtechnik vor Ort.

Zuvor hatten nach einem Angriff von Demonstranten auf die US-Botschaft im Jemen Sicherheitskräfte die Eindringlinge zurückgedrängt. Sämtliche Demonstranten wurden von dem Botschaftsgelände geführt. Mehrere tausend wütende Demonstranten hatten bei Protesten gegen einen antiislamischen Film zuvor unter „Oh Prophet! Oh Mohammed“-Rufen das Botschaftsgelände gestürmt. Dort setzten sie Fahrzeuge in Brand. Die Polizei setzte Wasserwerfer ein und gab Warnschüsse in die Luft ab. Dabei sollen Menschen verletzt worden sein.

Seit Dienstag gibt es in zahlreichen muslimischen Ländern Proteste gegen einen US-Film. Darin wird der Prophet Mohammed als Frauenheld und vertrottelter Bösewicht dargestellt. Im Islam ist die Darstellung Gottes oder des Propheten Mohammed verboten.

Proteste werden zum Flächenbrand

Das US-Konsulat im libyschen Bengasi war mit Raketen und Granaten angegriffen worden. US-Botschafter Chris Stevens und drei Mitarbeiter wurden getötet, auch mehrere libysche Sicherheitskräfte starben.

Am Morgen hatten ägyptische Demonstranten erneut versucht, die US-Botschaft in Kairo anzugreifen. Dabei kam es zu gewaltsamen Zusammenstößen. Die Sicherheitskräfte setzten Tränengas ein, als Demonstranten versuchten, zu dem Botschaftsgebäude im Stadtteil Garden City vorzudringen. Die Demonstranten warfen Steine.

Auch im Iran forderten hunderte Menschen lautstark den „Tod des Filmemachers“. Die Demonstranten versammelten sich vor der Schweizer Botschaft, die die Interessen der USA im Iran vertritt. Sie riefen „Tod den USA“ und „Tod für Israel“. Hunderte Wachleute hielten die Iraner davor zurück, die Botschaft zu stürmen.

Auch aus in Tunesien wurden anti-amerikanische Proteste gemeldet. Unweit der Hauptstadt Tunis setzte die Polizei Tränengas gegen rund 300 Demonstranten ein, die auf das Gelände der dortigen US-Botschaft vordringen wollten. Im Gaza-Streifen verbrannten Demonstranten Flaggen der USA und Israels.

In Deutschland kündigte die rechtspopulistische Organisation Pro Deutschland an, den höchst umstrittenen Film in Berlin zeigen zu wollen. Die Gruppierung hatte in den vergangenen Monaten bereits mit dem öffentlichen Zeigen von Mohammed-Karikaturen Konflikte mit muslimischen Mitbürgern provoziert.

Beobachter befürchten, dass die Ausschreitungen mit dem Freitagsgebet auf weitere Länder in der islamischen Welt übergreifen. Die USA schickten nach Medienberichten neben einer Einheit von Elitesoldaten auch zwei Kriegsschiffe in Richtung Libyen.

Anschläge scheinen geplant

Derweil wurden in den USA Spekulationen über eine Verwicklung des Terrornetzwerkes Al-Kaida in den Anschlag im libyschen Bengasi laut. Es könne sich um einen gezielten Anschlag der Gruppe am 11. September gehandelt haben – dem elften Jahrestag ihrer Terrorangriffe auf die USA, sagte der Vorsitzende des Geheimdienstausschusses im Abgeordnetenhaus, Mike Rogers, im US-Fernsehen.

Die ägyptische Muslimbruderschaft, aus der Präsident Mohammed Mursi stammt, hat für diesen Freitag zu Protesten gegen den Film aufgerufen. Mursi verurteilte die Angriffe auf die US-Botschaften. „Das ägyptische Volk ist ein sehr zivilisiertes Volk und das ägyptische Volk lehnt solch gesetzloses Handeln ab“, sagte Mursi nach einem Besuch der EU-Kommission in Brüssel. „Wir sollten alle Besucher, Touristen und diplomatische Vertretungen schützen“, sagte er. Ägypten werde mit der EU und auch mit den US-Behörden zusammenarbeiten, „damit sich solche Ereignisse künftig nicht wiederholen“. Mursi sagte, er habe am Mittwoch mit US-Präsident Barack Obama telefoniert. Dabei habe er Obama auch gebeten, das „Betragen“ der Hersteller eines islamfeindlichen Films, der in der arabischen Welt scharf verurteilt werde, „zu stoppen“.

Überwachung seit Monaten

Laut Rogers deutet aber viel auf einen Terroranschlag hin. „Seit Monaten haben wir beobachtet, wie Al-Kaida nach westlichen Zielen Ausschau gehalten hat“, sagte der US-Abgeordnete. „Das fand überall in Nordafrika statt. Wir haben bestimmte Aktivitäten beobachtet, die einen glauben lassen können, dass es eine mit Al-Kaida verbündete Gruppe war.“

Kriegsschiffe präventiv unterwegs

Die USA ließen zudem die Sicherheit aller ihrer Vertretungen überprüfen. Das Konsulatspersonal in Bengasi wurde nach Deutschland ausgeflogen, das Personal der Botschaft in Tripolis wurde reduziert, wie ein US-Vertreter mitteilte. Die US-Marine schickte außerdem als „Präventivmaßnahme“ zwei Kriegsschiffe an die Küste Libyens. Die beiden Zerstörer sowie ein 50-köpfiges Marineteam würden „präventiv“ entsendet, sagte ein US-Regierungsvertreter. Bereits zuvor war aus dem Pentagon verlautet, dass die US-Armee eine Anti-Terror-Einheit nach Libyen schickt. Auch die US-Bundespolizei FBI hat Ermittlungen gestartet. Obama hatte angekündigt, die „Mörder“ zur Verantwortung zu ziehen. Laut CNN sollen bereits US-Drohnen im Einsatz sein, um „mögliche Islamisten aufzuspüren“.

Thema erreicht den Wahlkampf

Unterdessen erreichten die Vorfälle auch den US-Wahlkampf. US-Präsident Barack Obama warf seinem Herausforderer Mitt Romney eine Taktik nach dem Motto „erst schießen und dann zielen“ vor, nachdem dieser seine Reaktion auf die Attacken kritisiert hatte. Romney hatte Obama vorgeworfen, nach den Angriffen vom Dienstag zunächst Verständnis für die Angreifer gezeigt zu haben, statt die Attacken sofort zu verurteilen. Romney scheine eine solche Tendenz an den Tag zu legen und eines der Dinge, die er als US-Präsident gelernt habe, sei, „dass man genau das nicht tun darf“, sagte Obama dem Sender CBS News. Sämtliche öffentliche Äußerungen müssten „von Fakten gestützt“ sein. Bei einer Veranstaltung in Las Vegas legte Obama nach, dass kein Terrorakt es schaffen werde, die „Werte der USA“ zu trüben. „Kein Gewaltakt wird die Entschlossenheit der USA erschüttern“, sagte er.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *