Geschrieben am 31. Juli 2011 von Michael abgelegt in der Kategorie Deutschland, Europa,
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Wer rettet die Retter?

Wer rettet die Retter?

Am EU –Währungsgipfel wurden nach Ansicht der handelnden Personen bedeutende Ergebnisse erzielt. Griechenland erhielt ein zweites Rettungspaket im Ausmaß von 109 Milliarden Euro und der Europäische Stabilitätsmechanismus (ESFS) wurde in seiner Bedeutung und seinen Handlungsmöglichkeiten aufgewertet – z.B. bei der Vergabe von Krediten und dem Aufkauf von Anleihen auf dem Sekundärmarkt. Im Prinzip wurde durch die Summe aller trickreichen Beschlüssedie europäische Transferunion Realität.

Was bedeutet das im konkreten Fall „Griechenland“ und was bedeutet das langfristig für das Euro-System?

Griechenland hat man für längere Zeit vom Kapitalmarkt herausgelöst und somit konnte man – zumindest vorübergehend – eine Beruhigung an den Märkten erzielen.  Griechenland hat wieder vorübergehend etwas Luft zum Atmen, aber in diesem Zusammenhang die Begriffe Euro-Rettung oder Griechenland – Rettung zu verwenden ist eine Farce oder Demagogie zur zehnten Potenz. Von dieser sogenannten zweiten Griechenland- Rettung (wie viele werden noch folgen? ) sieht der griechische Bürger Nichts, gerettet wurden wieder einmal große institutionelle Investoren wie Investmentbanken und Versicherungen, die sich mit Anleihen der PIIGS Staaten verkalkuliert haben. Auch griechische Banken, die sich teilweise in Händen milliardenschwerer Oligarchen befinden, hat man gerettet.  Finanzstarke Griechen haben ihre Gelder ins Ausland transferiert und das hat sich z.B. für die Londoner-Immobilienpreise positiv ausgewirkt. Wer sind nun die Verlierer:  Die Verlierer zählen zu der Gruppe, die bei den Verhandlungen nicht anwesend war:  Alle Steuerzahler werden – in welcher Form auch immer- die aktuellen und kommenden Belastungen auf sich nehmen müssen.  Besonders genutzt haben die Beschlüssen auch den stark „aufgeblähtenfranzösischen Bankbilanzen“, ein weiterer Verhandlungserfolg Sarkosys gegenüber Merkel. Das griechische Rettungspaket ist also vorerst de facto ein Gewinn-Sicherungspaket fürinstitutionelle Investoren. Griechenland – und damit meine ich die griechische Bevölkerung und nicht die elitäre superreiche Oberschicht- kann nachhaltig (die Betonung liegt auf Nachhaltigkeit) und langfristig nur geholfen werden, wen man für dieses Land und seine Bevölkerung – die nun durch drakonische Sparmaßnahmen in die tiefe Rezession gerutscht sind – eine geordnete Staatsinsolvenzordnung aufstellt. Griechenland ist mit 350 Milliarden Euro hoffnungslos überschuldet, es braucht einen Schuldenschnitt, es braucht eine eigene Währung, und es braucht für diese sicherlich sehr schwierige Übergangsphase die europäische Hilfe inclusive eines Programmes (der Name Marshallplan ist wieder gefallen), um seine Wettbewerbsfähigkeit zu verbessern. Man konnte doch schon seit Jahren sehen, dass die Überschuldung Griechenlands zu einer großen Belastung der Finanzmärkte führen wird und namhafte Experten haben schon vor Jahren darauf hingewiesen, die Politik hat jedoch die Fakten ignoriert und wundert sich nun, wenn sie in ihrem eigenverantwortlichen Handlungsspielraum zunehmend eingeengt wird, da sie immer stärker unter den Druck der Märkte kommt, die nachhaltige Lösungen einfordern.

Solange die Politiker und Notenbankbürokraten nicht bereit sind, die wahren Ursachen für die in ihrer Schärfe zunehmenden Probleme zu erkennen, bleibt der Weg für nachhaltige und substantielle Lösungen versperrt:

Das Euro-Konstrukt hatte schwerwiegende Geburtsfehler, die jahrelang nicht erkannt und angesprochen wurden und noch immer auch von der Mainstream-Presse ignoriert werden. Die Deutschen mussten als Preis für die Wiedervereinigung die stabile DM aufgeben und befinden sich nun wie wir Österreicher, die den stabilen Schilling geopfert haben, in einem Währungskonstrukt von Staaten, die sich in ihrer Haushalts-und Stabilitätspolitik, in ihrer Wettbewerbsfähigkeit (Handelsbilanzen) und in ihren zukünftigen wirtschafts- und fiskalpolitischen Handlungsmöglichkeiten wegen großer Unterschiede der jeweiligen Verschuldungsgrade zu stark unterscheiden. Das ist das Kernproblem, das die Politik bei der Konstruktion des Euros missachtet hat und danach jahrelang bei Seite geschoben hat – mit der Einstellung, dass sich die Dinge schon irgendwie selbst regeln werden. Genau diese Hoffnung hat sich nicht erfüllt und es wird dem einen oder anderen verantwortungsbewussten Politiker und Euro-Konstrukteur vielleicht heute leidtun,  dass man seinerzeit Expertenmeinungen, die genau das heutige Szenario prophezeit haben, gänzlich missachtet hat. Zumindest ansatzweise hätte man diese Fachmeinungen berücksichtigen sollen, dann wäre Griechenland heute kein Euromitglied. Es war doch schon 2004 bekannt, dass die griechischen Zahlen nicht stimmen und der Eintritt in die Währungsunion erschwindelt wird. Mit großer Wahrscheinlichkeit würde es denn Griechen heute besser gehen, mit einer günstigen wettbewerbsfähigen Drachme bräuchten sie heute nicht zuschauen, wie kaufkräftige Touristen in die benachbarte Türkei wechseln. Aber bleiben wir bei der grundlegenden kaum lösbaren Grundproblematik der Währungsunion: Am Beispiel Italiens möchte ich aufzeigen, was den wirtschaftlich schwächeren Staaten im Währungsverbund fehlt und gefehlt hat:

Die Möglichkeit der ABWERTUNG als Mittel, die Konkurrenzfähigkeit auf tragfähigem Fundament zu erhalten. ITALIEN hat von 1979 an über einen Zeitraum von 16 Jahren mehr als 10 Abwertungen durchgeführt, in Summe um ca 50%. Nach Einführung des Euro gehörten die Maastricht-Stabilitätskriterien bald der Vergangenheit an und die Verschuldungsexzesse – siehe spanische Immobilienblase- nahmen auf Grund der europaweit niedrigen Zinsen ihren dramatischen Verlauf, sodass wir heute mit wirtschaftlichen Ungleichgewichten  und Staatsverschuldungen zu kämpfen haben, die die Nachhaltigkeit des Euro-Systems stark in Frage stellen.

Ich fasse die Fakten zusammen:

Der Euro brachte auch den Peripheriestaaten niedrige Zinsen, da die internationalen Märkte den gesamten Euroraum als  Stabilitätsraum interpretierten. Je mehr jedoch im Lauf der Jahre die wirtschaftlichen Ungleichgewichte  in das reale Blickfeld rückten und zudem das Überdruckventil zur Abwertung von den strukturschwachen Staaten nicht mehr geöffnet werden konnte, desto höher stiegen der Renditen (Zinsen) der Staatsanleihen. Ökonomen und Anlageexperten haben dieses Dilemma frühzeitig prognostiziert und die aktuelle prekäre Situation zeigt, dass sie kein Gehör fanden. Es sind die enormen DIVERGENZEN zwischen den Mitgliedsstaaten, die den Euroraum insgesamt sehr labil machen. Auch eine europäische Ratingagentur, die nun immer stärker gefordert wird, kann die Problematik nicht entschärfen. Es ist schon richtig, dass die US-Ratingagenturen in der Vergangenheit versagt haben (US-Immobilienblase) und nun mit ihren Ratings für die Peripheriestaaten sehr prozyklisch agieren, aber letztendlich ist es ihre Aufgabe, die Märkte einzuschätzen. Wenn man jedoch berücksichtigt, dass die Neuverschuldung der EU-Staaten insgesamt deutlich geringer ist als die der USA und Großbritanniens, kommt man nicht umhin, hier eine gewisse Asymmetrie in der Wahrnehmung der relevanten Fakten zu konstatieren. Eine europäische Ratingagentur könnte in diesem Zusammenhang durchaus zu mehr Transparenz auch im internationalen Vergleich führen.

Vor einigen Wochen begann nun das Griechenland-Virus am italienischen Markt anzuklopfen. Seit Monaten reduzieren sich die Einlagenzuwächse in italienischen Banken. Italien ist mit mehr als 1800 Milliarden Euro verschuldet und sein Anleihenvolumen ist das drittgrößte der Welt, ein erheblicher Teil wird auch im Ausland gehalten. Italien muss in diesem Jahr noch ca. 200 Milliarden Euro refinanzieren und im nächsten Jahr 300 Mrd. Mit Italien und Spanien ticken ganz große Zeitbomben im Währungskonstrukt und die Renditeanstiege der Anleihen zeigen uns, dass die Zeituhren bereits aktiv gestellt wurden. Ein Tipp in diesem Zusammenhang: Beobachten Sie zukünftig regelmäßig die Renditen der zehnjährigen italienischen und spanischen Anleihen. Sollte es hier zu einem Renditeanstieg auf über 7 % kommen, dann wird es wirklich brenzlig. Es stellt sich die Frage, ob bei einer weiteren Verschärfung der Lage die Schwergewichte Deutschland und Frankreich die Bürde eines dann stark zu erweiternden Haftungsrahmens überhaupt tragen können? Um Italien und Spanien einzubinden, wäre wohl ein EFSF – Rahmen von zumindest 2000 Milliarden Euro erforderlich. Nun – Deutschland hat hervorragende Handelsbilanz- und Leistungsbilanzdaten, hat im Verhältnis Verbindlichkeiten-Forderungen ans Ausland einen Überhang von mehr als einer Billion Euro, profitiert als Exportnation stark vom Boom in den BRIC – Staaten und präsentiert sich insgesamt wirtschaftlich sehr stabil und konkurrenzfähig. Es stellt sich jedoch die Frage, ob bei einer weiteren Verschärfung der Krise auch Frankreich einen starken Rettungsanker auswerfen kann? Ich glaube nicht, denn die französische Leistungsbilanz fällt immer tiefer, die Neuverschuldung beträgt 2011 knapp 6% des BIP, die französischen Banken halten in griechischen Anleihen ein Volumen von mehr als 50 Mrd. Euro, in portugiesischen mehr als 20 Mrd. , in spanischen 140 Mrd. und italienischen mehr als 290 Mrd. Euro. Die fälligen Staatsanleihen Frankreichs belaufen sich für die Jahre 2011 bis einschließlich 2013 auf ein Gesamtvolumen von insgesamt ca. 450 Milliarden Euro.

FAZIT: Sollte sich die Krise verschärfen, könnte auch Frankreich sein Tripple A Rating verlieren und schlussendlich könnte dann auch die Frage auftauchen, wer rettet die Retter?

Aus welchem Blickwinkel man diese gesamte Problematik auch betrachtet, die Situation bleibt weiterhin sehr kritisch, unwägbar und großteils unkalkulierbar. Niemals in den vergangenen Jahrzehnten waren Anlageentscheidungen so schwer zu treffen wie heute. Der Grund liegt darin, dass aktuell die Märkte hautsächlich von der Marktechnik (z.B. Stimmung der Marktteilnehmer) und zunehmend von schwer kalkulierbaren politischen Entscheidungen dominiert werden. Fundamentale Aspekte rücken zunehmend in den Hintergrund.

Besonders deutlich zeigt sich das auch im US-Aktienmarkt, der im Vergleich zum europäischen deutlich überbewertet ist, aber wegen der enormen Geldspritzen der FED bis dato gut liegt. Demokraten und Republikaner werden sich wohl in letzter Sekunde arrangieren. Was die US- Konjunktur betrifft, habe ich an dieser Stelle einen selbsttragenden Aufschwung immer wieder in Frage gestellt. Die Immobilienblase ist noch lange nicht bereinigt, der breite Mittelstand verliert nach wie vor an Kaufkraft (seit 30 Jahren kein realer Lohnzuwachs!!), 44 Millionen Amerikaner sind Bezieher von Essensmarken und nun signalisieren auch die Einkaufsmanagerindizes der BRIC-Staaten und auch in Europa eine Abkühlung der Weltkonjunktur. Ich bin davon überzeugt, dass die FED bei weiterhin nachgebenden Konjunkturdaten QE 3 starten wird, auch wenn dann dafür eine andere Bezeichnung gewählt wird. QE 2 (Quantitative Easing- Aufkauf der US-Staatsschulden durch neu gedrucktes Geld der US-Notenbank FED) hat bei weitem nicht den Erfolg gebracht, den sich der FED-Chef Bernanke erwartet hat. Trotzdem – an der grundsätzlichen Strategie wird sich meiner Einschätzung nicht viel ändern – Dollar schwach halten und die Märkte geldpolitisch weiterhin stützen. Und in Europa wird die EZB weiterhin Ramschanleihen aufkaufen – es zeichnet sich leider ein ähnlicher Weg ab wie der der FED. Die EZB als letzter Stabilitätsanker eines stabilen Euro – das ist leider Vergangenheit. Die Amerikaner haben bereits vor Jahren den Turbo im Rennauto – das sich Geldmaschine nennt- voll aufgedreht – und beschleunigen damit in der Sackgasse. Nun scheint die EZB diese Strategie zu übernehmen- nach dem Motto „Wir beschleunigen auf der falschen Spur.“ Der deutsche Bundesbankpräsident Weidmann hat die Euro-Gipfel-Beschlüsse stark kritisiert:

„Indem umfangreiche zusätzliche Risiken auf die Hilfe leistender Länder und deren Steuerzahler verlagert werden, hat der Euro-Raum aber einen großen Schritt hin zu einer Vergemeinschaftung von Risiken im Falle unsolider Staatsfinanzen und gesamtwirtschaftlicher Fehlentwicklungen gemacht. Dies schwächt die Grundlagen der auf fiskalpolitischer Eigenverantwortung bauenden Währungsunion. Künftig wird es noch schwieriger, die Anreize für solide Finanzpolitiken aufrechtzuerhalten.“ (Bundesbank-Präsident Weidmann).

Ich kann mich dieser Kritik an den Beschlüssen nur vollinhaltlich anschließen.

Aber nun zu den Anlageentscheidungen, wie sollte man seinen Investmentprozess strukturieren?

Anlässlich dieser unsoliden inflationären Politik diesseits und jenseits des Atlantiks werden die Entscheidungen immer schwieriger, da man möglichst viele Eventualitäten und auch die eine oder andere böse Überraschung einkalkulieren muss. Faktum für mich ist, dass die westlichen Industriestaaten den falschen Weg gehen, die poröse Struktur der internationalen Finanzarchitektur ist weiterhin unter Beschuss, der schleichende Prozess der stillen Enteignung der Sparer durch Inflation setzt sich fort. Aus diesem Grund sollte man das Portfolio möglichst breit diversifizieren:

z.B. 20-30% Tagesgeld, um jederzeit liquide zu sein. Aktien von sehr guten Firmen, die auch gute Dividenden zahlen (z.B. Nestle in der Schweiz). Gold und Silber physisch und darüber hinaus eventuell Edelmetallfonds und für den aktiven, informierten Investor Edelmetallaktien (z.B. Silver Wheaton und Fresnillo im Silberberich,Barrick Gold usw), Immobilien in bester Lage, auch Diversifikation im Währungssektor (z.B. norwegische Krone). Im Verhältnis Sachwert zu Geldwert tendiere ich dazu, die Sachwertkomponente stärker zu gewichten. Ein gewisser Teil schnell verfügbarer Liquidität ist aber erforderlich, um bei stärkeren Korrekturen handlungsfähig zu sein.

In jeder Hinsicht breit diversifizieren. Das gilt auch für das Edelmetalldepot. Nicht alle Eier in denselben Korb geben. Neben Gold auch Silber und eventuell Platin und Palladium. Gold könnte im nächsten Jahr die 2000er Marke überschreiten und bei Silber sollte in den nächsten Jahren die 100er Grenze in USD fallen. Bei Silber ist jedoch zu beachten, dass Silber als hochwertiges Metall in der Industrie und Technik wesentlich konjunktursensibler als Gold reagiert. Wenn sich die Weltkonjunktor in den nächsten Jahren im normalen Rahmen weiterentwickelt, halte ich das Überschreiten von 100 USD pro Unze bis zum Jahr 2014 für realistisch. Der Maßstab für Gold sollte das Zwischenhoch von 850 USD im Jahr 1980 sein. Um dieses Hoch inflationsbereinigt zu erreichen, müsste der Goldpreis auf 2400 USD/Unze steigen. Zieht man in Betracht, dass seit damals die Berechnungen zur Inflation mehrfach verändert wurden (um die tatsächlichen Raten zu drücken), bewegen wir uns deutlich höher. Würde man das Zwischenhoch von damals 850 USD pro Unze nach den seinerzeit praktizierten statistischen Messmethoden zur Inflationsberechnung hochrechnen, käme man auf ca. 7000 USD pro Unze. Die USA liefern schon lange manipulierte Daten, z.B. zur tatsächlichen Inflation oder zur Arbeitslosigkeit. Möchten Sie die tatsächlichen Daten einsehen, gehen Sie auf shadowstats.com.

Gold ist der beste Seismograf in wirtschaftlich unsicheren Zeiten. Die großen Währungen USD, Euro und Yen kämpfen mit sehr großen strukturellen Defiziten, das sehen wir im Goldpreis im Vergleich zu vielen Währungen.

The trend is your friend. Der langfristige Aufwärtstrend im Goldpreis ist noch immer voll intakt. Immer wieder werde ich mit der Frage konfrontiert, ob es nach 10 jährigem Anstieg nicht schon viel zu riskant wäre, jetzt z.B. in physischer Form in Gold zu investieren. Darauf kann ich nur sagen, dass ich es angesichts der aktuellen Situation mit zahlreichen ungelösten Problemen als riskant halte, nicht einen Teil der liquiden Mittel in Form von physischen Edelmetallen als „Versicherung für Erschütterungen im Finanzgefüge“ im Depot zu halten.

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