X-Omar gegen Hannibal

Es ist ein Cyberwar im Miniformat: Arabische und israelische Hacker beharken sich seit Wochen, legen Websites lahm und veröffentlichen sensible Daten. Die Protagonisten der beiden Lager gewinnen als virtuelle Krieger allmählich Kultstatus.

Saudi-arabische Hacker, die ausgerechnet Israelis mit Cyber-Attacken blamieren – das ist, auch für viele Araber, ein unerhörter Gedanke. Schließlich gilt Israel als eine Art Hightech-Mekka, während Saudi-Arabien vor allem für die reale Stadt Mekka bekannt ist: Analog gegen Digital sozusagen, mit überraschendem Ausgang so mancher Scharmützel.

Und die nahöstliche Hacker-Schlacht geht munter weiter, mittlerweile in der dritten Woche: Erst stellten saudi-arabische Hacker Anfang Januar israelische Kreditkartendaten ins Internet, dann veröffentlichte ein israelischer Hacker Informationen Hunderter Kreditkarten-Kunden aus verschiedenen Golfstaaten. Nur einen Tag danach reagierten die Saudis unter Führung ihres Protagonisten „X-Omar“ und machten weitere sensible Kundendaten bekannt, worauf eine weitere Tranche arabischer Kundeninformationen den Weg ins Internet fand.

Am 13. Januar eskalierte ein gewisser „Hannibal“, der sich als außerhalb Israels lebender Jude beschrieb, den Kleinkrieg – er sei im Besitz von 30 Millionen E-Mail-Zugangsdaten arabischer Account-Inhaber und sei bereit, sie nach und nach zu veröffentlichen. Es folgten weitere Drohungen, Daten arabischer Facebook-Kunden zu veröffentlichen. Am 16. Januar begann eine neuerliche Runde: Saudi-arabische Hacker attackierten israelische Websites, unter anderem die der Fluggesellschaft El Al. Der Gegenschlag am Dienstag: Israelische Hacker griffen die Websites der Börsen Saudi-Arabiens und der Vereinigten Arabischen Emirate an.

„Sucht mich doch!“

Nichts deutet daraufhin, dass der Hacker-Schlagabtausch aufhören wird. „Es ist Krieg“, schrieb der Anführer der israelischen Seite in einem Beitrag für eine News-Website.

Der Schaden ist bisher begrenzt. Von einem echten Cyberwar kann keine Rede sein, die Methoden sind wenig raffiniert, und nichts deutet daraufhin, dass staatliche Stellen involviert sind. Weder Israel noch die betroffenen arabischen Staaten nutzen das Hickhack bisher als Anlass für eine weitere Eskalation.

Wohl aber gewinnen die Protagonisten der Auseinandersetzung allmählich Kultstatus. Natürlich agieren sie nicht unter ihren Klarnamen. Aber nach seinen ersten Angriffen setzten israelische Hacker alles daran, die Identität des saudi-arabischen Protagonisten „X-Omar“ zu enthüllen; zeitweise hieß es, es handle sich um einen in Mexiko lebenden saudi-arabischen Kellner.

„X-Omar“ reagierte gelassen und bot eine Wette an: Ich gebe euch zwei Wochen, sucht mich doch, aber ihr werdet scheitern!

„Schnappt sie euch!“

Spätestens seitdem ist „X-Omar“ ein kleiner Star: Es gibt längst eine Facebook-Fanpage, und auf Twitter ist er ein wichtiges Thema unter arabischsprachigen Mikrobloggern. „You Rock!“, wird er gepriesen. Andere sehen in dem Hacker gar eine Art Krieger der neuen Generation: „Wenn es nach mir ginge, würde ich dich zum Informationsminister ernennen – oder zum Befehlshaber der bewaffneten elektronischen Streitkräfte!“

Auch arabische Internetnutzer rätseln über seine Identität: „Er lebt gewiss außerhalb Saudi-Arabiens, sonst wäre er längst verhaftet“, vermutet „SaudiSoul“. Verschwörungstheorien gibt es natürlich auch: Er sei eine israelische Erfindung, um eine echte Konfrontation anzuzetteln. Für einige ist „X-Omar“ offenbar nahezu allmächtig: „Könntest du dich, wenn du mit Israel fertig bist, bitte auch um das iranische Nuklearprogramm kümmern?“

Auf der Gegenseite geht es ähnlich zu. Der letzte Gegenschlag wurde geführt von einer Gruppe, die sich (in Anlehnung an den Namen der israelischen Armee) „IDF-Team“ nannte. Das Team und „Hannibal“ sind die Helden für die Unterstützer Israels in den digitalen Scharmützeln: „Schnappt sie euch, IDF-Team“ heißt es. „Ich hoffe, das ‚IDF-Team‘ lähmt euch den Arsch weg!“, wird gepöbelt. Als Parole gilt einigen mittlerweile „Auge um Auge, Hack um Hack“.

„Nicht in die eigenen Hände nehmen“

Die digitalen Twitter-Cheerleader verfolgen jede Wendung des Hacker-Kleinkriegs, der Ton schwankt zwischen Faszination und offenem Hass auf die Gegenseite: Der reale Konflikt im Nahen Osten findet seinen Ausdruck eben auch auf den Spielwiesen des Internets.

Noch ist der Mini-Cyberwar zwar heikel, aber keine ernsthafte Bedrohung, wie staatliche Stellen aller betroffenen Länder versichern. Israels Regierung mahnte freilich bereits, die Bürger sollten die Dinge nicht in die eigenen Hände nehmen, die Regierung werde schon eine Antwort finden.

Allerdings kann die Situation kippen – sollten sich zum Beispiel fortgeschrittenere Hacker einschalten. Experten halten Angriffe auf staatliche Infrastruktur für eine rote Linie im digitalen Schlagabtausch, also etwa auf die Stromversorgung eines Landes. Das wäre dann kein Scharmützel mehr. Allerdings glauben Fachleute nicht, dass eine der beteiligten Hackergruppen dazu in der Lage wäre.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *